Kunstsammlungen

"Berlin braucht mehr Selbstbewusstsein"

Barbara und Axel Haubrok gehören zu den größten Sammlern Deutschlands - und sind von den Galerien hier schwer begeistert

"Sammlung Haubrok", so nüchtern und knapp tauften Barbara und Axel Haubrok ihre Privatkollektion, die mittlerweile 750 Werke umfasst. Am Strausberger Platz 19 haben sie ihr Domizil. Seit den 80er Jahren sammelt das Ehepaar bereits - mit dem Fokus auf Konzeptkunst, seit fünf Jahren laden sie zu ihren Vernissagen in den Räumen am Strausberger Platz. Seit zwei Jahren haben sie sich ganz aus Düsseldorf verabschiedet und sich für Berlin als ersten Wohnsitz entschieden. Dreizehn ihrer Arbeiten haben sie als Stiftung der Nationalgalerie überlassen. Mit Axel Haubrok sprach Gabriela Walde.

Berliner Morgenpost:

Noch vor Jahren war es üblich, dass es eine Allianz gab zwischen den Privatsammlern und den Museen. Erich Marx und Mick Flick haben ihre Kollektion unters Dach der Staatlichen Museen gestellt. In den letzten Jahren haben sich Sammler wie Sie zunehmend selbstständig gemacht mit eigenen Räumen. Suchen Sie mehr Unabhängigkeit?

Axel Haubrok:

Klar, es geht darum, das Individuelle auszustellen, und zu sagen - so ist meine Position. Diese Möglichkeit ist unter staatlichem Dach erheblich geringer. Wir Privatsammler können ja wirklich machen, was wir wollen! Und das ist gut so. Berlin ist deswegen doch auch interessant, weil es hier mittlerweile so viele Sammler gibt. Als Besucher kann man da und dort rein schauen. Die Privatsammlungen sind anders als Museen Ausdruck der jeweiligen Sammlerpersönlichkeiten. Öffentliche Museumssammlungen müssen gezwungenerweise irgendwie gleich sein, kunsthistorisch abgestimmt und somit alle ihre Donald Judds, Robert Rauschenbergs und Ellsworth Kellys im Bestand haben.

Die Sammler also sind da, trotzdem ist Berlin keine Kunstmarkt-Stadt.

Das Gerede darüber, dass hier keiner ist, dass die starken Sammler im Rheinland sind, ist Jammern auf hohem Niveau. Da brauchen wir einfach mehr Selbstbewusstsein.

Die Sammler kommen schon alle und zeigen sich. Aber kaufen sie hier wirklich?

Das ist die falsche Frage. Sammler gehen doch nicht einfach los in Köln am Samstagmittag nach dem Motto: Jetzt kaufe ich Kunst, weil's so gute Galerien hier gibt. Engagierte Sammler wissen, was sie wollen, wo weltweit etwas los ist. Sie kaufen genau dort, wo sie das auch finden, sei es in Los Angeles oder Berlin. Und die wichtigsten Galerien - schauen Sie einmal auf die Teilnehmerliste der Art Basel - sind doch alle in Berlin.

Galeristen, hört man sich um, haben da aber eine andere Meinung und klagen.

Immer dieses ständige Problem-Gerede. Der Berliner ist wohl nie zufrieden! Schauen Sie sich beispielsweise das Rheinland an, dort gibt es immer weniger international bedeutende Galerien, allerdings viele Institutionen. Und genau dagegen versucht man verzweifelt anzukämpfen - mit mäßigem Erfolg. Ich glaube einfach, die Diskussion läuft falsch in Berlin. Die Entwicklung hat längst stattgefunden und der Markt ist auch da. Klar ist, dass es keinen Platz für die rund 400 Galerien und die rund 6000 Künstler in der Stadt gibt. Natürlich müssen manche Galerien zumachen - aber so läuft das Geschäft.

Tut die Stadt eigentlich genug für ihre Sammler? Sie sind schließlich auch ein Aushängeschild.

Ich möchte mich nicht so sehr auf die Stadt fixieren. Vielleicht können wir Sammler noch etwas mehr gemeinsam tun, uns besser vernetzen, eine zentrale Anlaufstelle finden. Vielleicht kann die Stadt uns dabei unterstützen. Ansonsten kann ich nur sagen, wir brauchen keine Kunsthalle, wir brauchen keine Kunstmesse...

Was braucht die Stadt dann?

Neue Ideen. Was uns Sammler betrifft, denke ich, könnten wir beispielsweise gemeinsame Öffnungszeiten koordinieren beim kommenden Berlin Art Week im September. Kürzlich war ich in Brüssel bei einem Essen eingeladen, nur Sammler unter sich, keine Galeristen, keine Künstler. Da sind ganz andere Gespräche möglich. Das zu fördern, wäre sicher wichtig. Vielleicht ist die Zielgruppe "Sammler" ja auch für andere Sponsoren interessant, die so was unterstützen könnten.

Aber erst einmal müsste einer der Berliner Sammler die Initiative ergreifen.

Ich versuche es ja schon mal, wir ziehen doch alle an einem Strang. Berlin hat einfach die idealen Voraussetzungen, Dinge zu bewegen. Es gibt noch jede Menge freien Platz. Man müsste Immobilienbesitzer ansprechen, damit sie temporär ihre leeren Gebäude für Künstler und Events zur Verfügung stellen. Erinnern Sie sich an die vorletzte Berlin Biennale, da wurde ein großes altes Kaufhaus in Kreuzberg bespielt, das steht Jahre schon leer. Da gibt's noch mehr. In den USA versucht man gerade solche Immobilien, aber auch ganze Stadtteile aufzuwerten, indem man sie eben temporär nutzt.

Wie geht es mit Berlin weiter?

Ich frage mich oft: Wo könnten denn Künstler, wenn sie nicht in Berlin wären, leben und arbeiten? Richtung Osten? Schauen Sie sich die Preise an. Das Interessante an Berlin bleibt das niedrige soziale Gefälle in Relation zu Moskau, Kiew oder auch London. Und Berlin ist nun mal an der Schnittstelle zwischen Ost und West, das ist historisch einmalig, einzigartig in Europa. Bis beide Teile zusammenwachsen, vergeht halt einige Zeit. Diese Risse und Räume, die da entstanden, sind fruchtbar. Die Tatsache, dass wir keine oder sehr wenig Industrie in Berlin haben, hat dazu geführt, dass sich Freiräume in der Kultur entwickelt haben, die Sogwirkung hat.

Jetzt haben Sie einige Jahre ihre Werke ausgestellt. Was tun Sie gegen die Routine?

Fünf Jahre haben wir jetzt vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr gemacht, 25 insgesamt. Es wird ein wenig langweilig, immer nur Ausstellungen aus der eigenen Sammlung zu zeigen. Wir wollen künftig mehr Projekt machen, Künstler einladen, auch mal rausgehen aus dem Raum. Zur Berlin Art Week im September werden wir unsere Werke mit jenen der Paris Bar tauschen. Alle Arbeiten aus der Bar und jene von Michael Würthle, die er zuhause selbst gemacht hat, werden wir bei uns im Showrom zeigen. Und unser Konzeptkünstler, der Amerikaner Christopher Williams, wird in der Paris Bar präsentiert. Es soll einen kleinen Katalog geben. Also mehr Projekte mit einzelnen Künstlern, dass alles offener, spannender wird.

Sie sammeln jetzt seit fast dreißig Jahren, verändert sich da etwas bei der Lust an der Kunst?

Man muss verantwortungsvoller sammeln, wenn man öffentlich ist. Denn man muss im Zweifel Kritik aushalten. Und man muss sich immer weiter konzentrieren, denn es gibt so viel Kunst und interessante Werke.