Kinogeschichte

Der Mann, der niemals lachte

Buster Keaton war neben Charles Chaplin der größte Komiker im Kino. Jetzt sind seine Filme in Berlin wiederzuentdecken

Es ist das wohl traurigste Bridgespiel der Kinogeschichte: Einst berühmte, nun aber gealterte und vergessene Stummfilmstars sitzen da zusammen. Billy Wilder hat dafür 1949, in seinem Klassiker "Boulevard der Dämmerung", echte Ex-Stars gecastet: neben Gloria Swanson und Erich von Stroheim, die die Hauptrollen in diesem Film noir spielen, sind da noch Anna Nilsson, H. B. Warner und Buster Keaton versammelt. Alle spielen sie mehr oder minder ihr eigenes Schicksal, aber niemand schaut dabei so traurig, so melancholisch drein, niemandem ist sein Los so in das Gesicht eingebrannt wie Buster Keaton.

Freilich, schon zu seinen besten Zeiten wurde er als "the great stoneface" bewundert und als großer Stoiker. Mochten Charlie Chaplin und Harold Lloyd den zuckenden, ruckenden Bewegungen des Slapstick-Kintopps mit ihrer grotesken Körpersprache noch eins draufsetzen - Keaton zeigte niemals Emotionen, er verzog keine Miene. Der Rest des Körpers freilich war in Dauerbewegung. Ihm nötigte er in unglaublichsten Verrenkungen die athletischsten Übungen und spektakulärsten Stunts ab - bei denen er sich, das war Ehrensache, auch niemals doubeln ließ. Der Mann war eine einzige biegsame Masse, die keinen physikalischen Gesetzen zu folgen schien, sein Gesicht indes blieb dabei stets unbeweglich. Und genau das machte seine Komik aus. Alle lachten über diesen Buster Keaton. Nur er nicht. Er war der Mann, der niemals lachte.

Ewiges Duell Mensch-Maschine

Ständig geriet Buster Keaton in seinen Filmen in Situationen, denen er nicht gewachsen war, die er aber durch Einfallsreichtum meistern musste. Meist sind es die Frauen, die sein Leben durcheinander bringen und für die er all seinen Körpersport absolviert. Aber irgendwie sind die Happy-Ends am Ende nie ganz so happy, irgendwie bleibt die finale Vereinigung nur ein Ziel, das es zu erreichen gilt. Ganz anders sieht sein Verhältnis zu Maschinen aus: Sie funktionieren so wie er, ihnen passt er sich an. Die Beherrschung des eigenen Körpers entspricht der Bewältigung des Maschinenkörpers. Wofür der große Rivale Chaplin 1936 bei "Moderne Zeiten" gefeiert wurde, das hatte Keaton schon ein Jahrzehnt zuvor zelebriert. Mit dem Unterschied freilich, dass er nie in den Maschinen unterging, sondern sie stets zu begreifen und zu bedienen lernte.

Die großartigsten Momente im Keaton-Kino sind immer die Duelle zwischen Mensch und Maschine, sei es mit seiner Kameraausrüstung in "Der Kameramann" (1928), wenn er in "The Navigator" (1924) ganz allein auf einem Ozeandampfer treibt, oder, sein wohl schönster Film, wenn er in "The General" (1926) als Lokomotivführer seine entführte Lok aufhalten will, über das Eisen hüpft, von den Räderwerken eingekeilt wird oder auf dem Stoßdämpfer reitet. Oft auch entwirft er selbst ganz groteske, aber höchst ausgeklügelte Apparaturen wie in den Steinzeitszenen von "Die drei Zeitalter" (1923). Von solch anachronistischen Gags zehrte noch Jahrzehnte später die Trickfilmserie "Familie Feuerstein".

So kann man es nur als eine mehr als böse Ironie der Geschichte verstehen, dass ausgerechnet dieser Komiker dann doch von der Technik überrollt wurde. Der Wechsel zum Tonfilm ist Keaton nie wirklich gelungen; als er damals zur MGM überwechselte, das mächtigste Studio in Hollywood, standardisierten sie dort seine Filme. Seine Meisterstunts durfte er nicht mehr länger absolvieren, stattdessen musste er singen und tanzen, was andere besser konnten. Und dem glänzenden Solisten wurde mit Jimmy Durante auch noch ein Partner aufgezwungen. Konsequent nannte er seine Filmfigur nicht mehr länger Buster, sondern Elmer - nach seinem Bernhardiner. Damit war der Komiker buchstäblich auf den Hund gekommen. Diese Filme, wen wundert's, waren nicht mehr so erfolgreich. In der Folge zerbrach seine Ehe, er begann zu trinken, alterte in kurzer Zeit um Jahre. Das Studio kündigte ihm schließlich, und er musste wieder, wie ganz am Anfang, Kurzfilme drehen und sich als Gagman für andere Komiker verdingen. All das hat sich tief in sein Gesicht eingebrannt, das uns in Wilders "Boulevard der Dämmerung" so unvergessen traurig und verbittert anblickt.

Ein Karriereknick, wie ihn damals viele erlebten. Und wie sie, noch so eine Ironie, jüngst selbst zum Topos eines neuen Stummfilms wurde, "The Artist", der nicht nur fünf Oscars gewann, sondern weltweit eine neue Begeisterung für das stumme Kino entfachte. Die könnte nun einem seiner größten Vertreter zugute kommen. Denn nun ist Buster Keaton noch einmal wiederzuentdecken.

Die Qual der Wahl

In seinem dritten Jahr feiert das Berliner Stummfilmfestival, das sich im Vorjahr der anderen großen Legende Charles Chaplin widmete, ab morgen das "Stoneface" Keaton. Unter dem Motto "Don't cut until I'm Dead", das auf seinen aberwitzigen Körpereinsatz bei den Stunts anspielt, wird fast sein komplettes Oeuvre gezeigt, die zwei Dutzend Kurzfilme, das Dutzend seiner großen Spielfilme, die späteren Tonfilme und einige Gastauftritte. Und das wie immer mit musikalischer Live-Begleitung am Klavier und an der Orgel, stets gespielt von internationalen Koryphäen wie Carsten-Stephan Graf von Bothmer oder Javier Pérez de Azpeitia.

Absurd indes, dass das Stummfilmfestival Konkurrenz durch eine zweite Filmreihe bekommt. Denn im Lichtblick-Kino im Prenzlauer Berg startet bereits heute und damit einen Tag früher eine Reihe namens "Stummfilmklassiker" mit Werken von Chaplin, D.W. Griffith, Cecil B. DeMille - und eben Keaton. Das, versichern beide Veranstalter, sei reiner Zufall. "Wir freuen uns, je mehr Stummfilme vorgeführt werden, desto besser", heißt es beim Babylon. Und "man kann es ja einfach als Ergänzung sehen", hören wir aus dem Lichtblick. Beides freilich klingt etwas zähneknirschend. Allzu selten sind Stummfilme im Kino zu sehen, mit teils neuen, restaurierten Kopien und als Event mit Live-Begleitung. Aber dann kommen sie gleich im Doppelpack und der arme Zuschauer hat die Qual der Wahl. Heute ist Keaton im Lichtblick als "Der Kameramann" zu sehen, ein Klassiker, der nächsten Mittwoch dann im Babylon läuft. Morgen wird dort das Festival mit der besagten Lokomotiv-Action "The General" eröffnet, der nur einen Tag später in der Kastanienallee auf dem Programm steht.

Es ist wie bei der hiesigen Opernlandschaft, in der auch einmal drei "Zauberflöten" an den drei Häusern zeitnah zu sehen waren. Aber das waren unterschiedliche Inszenierungen. Man kann sich freilich denken, wie Buster Keaton auf eine solche Programmierung reagiert hätte. Er hätte, mal wieder, keine Miene verzogen.