Jörg Fauser

Ein Leben auf der Überholspur

Heute vor 25 Jahren lief Jörg Fauser vor einen Laster. Die deutsche Literatur vermisst ihn seitdem schmerzlich

Es war ein früher, allzu früher Tod. Heute vor 25 Jahren endete das Leben von Jörg Fauser auf einer Münchner Autobahn, stilecht als Roadkill, überfahren von einem Lastwagen, weil er in der Nacht seines 43. Geburtstags besoffen über die Leitplanke geklettert war.

In seiner Jugend saß Fauser einige Jahre als Heroin-Junkie in Istanbul, vermutlich weil ihm die bundesrepublikanische Gegenwart der Sechziger einfach zu öde war. Dieser Rohstoff konnte ihm ebenso wenig anhaben wie der Alkohol und die Zigaretten, mit denen er später seinen unermüdlichen Motor befeuerte. Als er längst angekommen war in der Abseitigkeit des deutschen Kulturbetriebs, als Reportagen-Schreiber für "Tip" und "Playboy", als Lied-Texter für den Rock'n'Roller Achim Reichel, als Autor von Großstadtkrimis, besuchte Fauser seinen Freund Detlef Bernd Blettenberg, den es in seiner Eigenschaft als Krimi-Autor und Entwicklungshelfer nach Thailand verschlagen hatte. Als Blettenberg Fauser am Flughafen abholte, hatte er Angst, der Ex-Junkie könne dem Opium verfallen. Doch es kam anders: In Thailand, Laos und Birma recherchierten sie über den Drogenhandel.

Wie Rolf Dieter Brinkmann hatte Fauser für seine älteren Kollegen, die in den Siebzigern den Ton angaben, nur ein Gähnen übrig. Sie erschienen ihm zu verblasen, blutleer, selbstgefällig, bedeutungshuberisch, tot. Fauser zog lieber um die Welt und besuchte Charles Bukowski in Los Angeles. "Wer sein Leben lang auf der Kippe lebt", schrieb er über die Begegnung in einem miesen Bungalow, den sonst nur Stricher und Zuhälter bevölkerten, "und die Schatten des Todes so gut kennt wie die Schatten des eigenen Körpers, hält sich mit der Gefühlsflora der Bourgeoisie und ihrer Mietschreiber nicht auf. Aber Melancholie, Trauer, Lust, Ekel, Mitleid, Angst und Hass, damit kennt sich Bukowski aus, das ist sein Material. Und kein Bedarf an Arschkriecherei."

Selbst bei den Außenseitern sitze er noch auf der Außenseite, sagte Fauser über sich selbst. "Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig." Abhängig allein vom Beat-Literaten-Klischee. In der Literatursendung "Autor-Scooter" beschied Fauser einem verblüfften Hellmuth Karasek: "Ich möchte mich ungern als Schriftsteller bezeichnen. Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle."

Diese Produkte erschienen in Buchform bei Zweitausendeins, Diogenes und in den letzten Jahren beim Berliner Alexander Verlag, der seine hellsichtig edierte und Gesamtausgabe vor einer Weile mit den gesammelten journalistischen Arbeiten unter dem Titel "Der Strand der Städte" abgeschlossen hat. Zum Anlass des 25. Todestags erscheinen dort die Romane "Rohstoff", "Der Schneemann", "Das Schlangenmaul" und die Fragment gebliebene "Tournee" jetzt erstmals als eBook. Gut so, denn der Bewusstseinsstrom dieses wilden Träumers gehört sowieso ans heiße Netz.

Fauser hat das Internet nicht mehr erlebt. Er musste selbst hingehen, wo das Leben spielte. Man wollte, die Mythen, die Fauser so liebte, wären wahr, und er könnte zurückklettern ans Licht der Gegenwart wie Orpheus, der die Steine zum Weinen bringen konnte. Aber es ist, wie es ist. Der Geschäftsmann Fauser sah den Tod pragmatisch: Erst im Tod, zur Ikone geworden, verdiene ein Autor gut. Im Himmel steht heute hoffentlich der Champagner kalt.