Konzert

Das neue Heim von Dr. House

Hugh Laurie kokettiert im Tempodrom mit seinem musikalischen Unvermögen, spielt aber versiert auf

Hinkt der Mann etwa, der da pünktlich um Acht wie der Chefarzt zur Visite auf die Bühne kommt? Hugh Laurie muss noch kräftig daran arbeiten, den mächtigen Schatten des tablettensüchtigen Dr. Gregory House abzuschütteln. Acht Jahre spielte der britische Schauspieler in der US-Erfolgs-Serie "House" den gehbehinderten Nephrologen mit den schlechten Umgangsformen und den stupenden diagnostischen Fähigkeiten. Nun ist die Serie Geschichte, und der 53-Jährige hat die Zeit und inzwischen auch die nötige Popularität, eine lebenslange Passion auszuleben: er singt den Blues.

Natürlich hinkt er nicht, als er am Sonnabend die mit Stehlampen, Teppichen und dicken Vorhängen dekorierte Wohnzimmerbühne des ausverkauften Tempodroms betritt. Und schnell weggewischt ist auch die Bürde des Serienhelden, als er dem Publikum mit einem Whiskey zuprostet und zu einer musikalischen Tour-de-force durch die amerikanische Bluesvergangenheit einlädt. "Mellow Down Easy", der Willie-Dixon-Song, der durch Bluesharp-Spieler Little Walter populär wurde, öffnet die Tür in das neue Zuhause von Hugh Laurie.

Laurie ist bekennender Fan. Als kleiner Junge hat er im Auto seines Bruders zum ersten Mal einen Willie Dixon-Song gehört. Und war für Beat und Pop endgültig verloren. Er hörte den alten schwarzen Männern von den amerikanischen Baumwollfeldern, aus den Kneipen von New Orleans und Chicago zu und ließ allenfalls die Rolling Stones gelten. Weil die ihre Musik ja schließlich auch aus dem Blues saugten. Er spielte zu Hause die Blues-Klassiker am Klavier und auf der Gitarre, während er als Comedian ("A Bit of Fry And Laurie", "Blackadder") und Schauspieler ("Peter's Friends", "Sinn und Sinnlichkeit") Karriere machte.

Im vergangenen Jahr ging Hugh Laurie an die Quelle, nach New Orleans. Dort entstand sein Debüt-Album "Let Them Talk", das er kurz darauf mit kleiner Besetzung in der Passionskirche in Berlin live vorgestellt hatte. Die Show ist gereift. Laurie spielt den Blues-Pianeur aus der zwielichtigen Rotlichtbar mit Lässigkeit und Hingabe. "Sprechen sie deutsch?" fragt er auf Deutsch mit einem Lächeln. "Sorry, but I don't." Aber, so rät er, falls der Sitznachbar Englisch spreche, könne der ja übersetzen. Denn Laurie plaudert viel im Verlauf des Abends, spricht von Louis Armstrong und Dr. John, von Leadbelly und Jelly Roll Morton, deren Stücke er spielt.

Er ist ein veritabler Pianist und Sänger, aber kokettiert mit seinem musikalischen Unvermögen. "Die Band ist der Rolls Royce", sagt er. "Ich bin nur die Kühlerfigur." Gemeinsam graben sie sich durch die amerikanische und inzwischen auch britische Musikgeschichte. Dieses Programm geht ganz weit zurück an die Wurzeln der populären Musik. Mit Gospelsong wie Mahalia Jacksons "Battle Of Jericho", mit Louis Armstrongs "St. James Infirmary", Countrysongs wie Jimmie Rodgers' "Waiting For The Train" oder New-Orleans-Krachern wie "Tipitina" von Professor Longhair. Irgendwann schafft es ein weiblicher Fan mitten in einem Song, auf die Bühne zu gelangen. Ein wenig hilflos stehen die Frau und Hugh Laurie am Mikrofon, tuscheln sich etwas zu, bis ein Mitarbeiter sie hinter die Bühne komplimentiert. Und die Show geht weiter.

Laurie und seine Copper Bottom Band bemühen sich um einen originalgetreuen Sound, den sie aber immer wieder mit solistischen Finessen aufbrechen; eine Cover-Band, wenn auch eine von höchsten musikalischen Gnaden. Und Hugh Laurie ist ein musikalischer Conaisseur, der sein Publikum dazu einlädt, mit ihm gemeinsam seiner Lieblingsmusik zu huldigen. Nur spielt er die eben nicht einfach auf dem Plattenspieler vor, sondern mit eingeschworenen Musiker-Kumpels auf der Konzertbühne. Nach dem Erfolg von "Dr. House" ist ihm ein großes Publikum sicher. Hugh Laurie macht seine Sache gut. Ein glückliches Publikum dankt es ihm.