Trotz, Rebellion und der Versuch, anders zu sein

So ist die Jugend, so war sie immer: Das Lieben und Leiden in Lübbenau zeigt eine Ausstellung im C/O

Es gibt so Dinge, in denen sind sich Jugendliche immer ähnlich. Egal, in welcher Zeit sie leben, in welcher Stadt oder unter welchen Umständen. Das zeigt eine neue Ausstellung der Reihe "Talents" in der c/o Galerie. Anderthalb Jahre lang hat der 32-jährige Daniel Seiffert Jugendliche in Lübbenau fotografiert. Eine Stadt im Südosten Brandenburgs, die einst zu den bedeutenden Industrieregionen der DDR gehörte und die heute geprägt ist von wirtschaftlicher Stagnation, Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsrückgang. Seiffert zeigt die jungen Menschen, fast alle nach 1990 auf die Welt kamen, wie sie ihre Kleinstadt prägen, sich an ihr aufreiben und sie manchmal auch genießen.

Das Initiationserlebnis für die Idee hatte er vor einem Jahr, als er den alten Lübbenauer bei der Sprengung ihrer "Jugend" zusah. Jugend, so hieß das Kohlekraftwerk Lübbenau, das in den 60er Jahren eröffnet hatte und Arbeit und Zukunft versprach. Anfang Mai 2010 wurde das ehemalige Kohlekraftwerk mit 500 Kilogramm Sprengstoff in die Luft gejagt. Es war eine der größten Sprengungen in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland. Daniel Seiffert stand dabei und bestaunte mit vielen anderen die gewaltige Explosion, das zeitlupenhafte Einknicken der Ruine. Nachdem sich die Staubwolken gelegt hatten und der größte Trubel vorüber war, trauten sich die alten Lübbenauer Herren an den Rand der Baustelle. Sie seien auf ihren knorrigen Klapp-Fahrrädern der Marke Diamant herangerollt. Still und wehmütig hätten sie auf die Schuttberge dessen gestarrt, was jahrzehntelang ihre Arbeitsstelle war.

Mal trotzig, mal tapfer

"Sie alle hatten eine kleine Träne im Knopfloch", sagt Daniel Seiffert. Ihre Enkel dagegen, die Jugend von heute, kennen das Kraftwerk nicht mehr in Betrieb. Es wurde kurz nach der Wende still gelegt. Die jungen Leute haben keinen Grund mehr in Lübbenau zu bleiben. Aber ein paar sind eben hier. Und sie haben keinen Ort, an dem ihre Jugend eine Berechtigung findet. Sie müssen selbst klar kommen. Die Fotos von Daniel Seiffert zeigen in intimen, schnörkellosen Aufnahmen, wie ihnen das gelingt.

Auf einem Foto sieht man ein spießiges, grünes Polstersofa. Auf dem Blätter-Muster zwei schlanke Oberschenkel in pink gemusterten Strumpfhosen, die Rauchwolke einer Zigarette, darüber das blasse Gesicht eines jungen Mädchens, das auch im Wohnzimmer ihre schwarze Wollmütze nicht ausgezogen hat. Der Blick: trotzig. Eine andere Aufnahme zeigt ein Mädchen in einem rosafarbenen Prinzessinnenkleid mit weitschwingendem Rock, Spitzen und Tüll. Sie sitzt auf der Bank eines Bushaltestellenhäuschens, die Hände im Schoß gefaltet, die Füße kleinmädchenhaft zueinander gedreht. Im Hintergrund weiß verputzte Hauswände, rote Ziegel, eine Rosenhecke an der Hauswand. Ein paar Meter von ihr entfernt sitzt ein Paar, es wirkt distanziert, fast unangenehm berührt von der jungen Frau in ihrem aufwendigen Ballkleid. Sie blickt starr nach vorne, der Blick: tapfer.

Und dann ist da noch die Aufnahme eines jungen Mannes, der mit blutigen Wunden im Gesicht und kahlgeschorenem Kopf vor einem Heuballen steht. Brutalität in Szene gesetzt mit bäuerlicher Einfachheit. Dieses Porträt ist eines der wenigen, das den Blick des Modells direkt auffängt. "Ich habe nichts zu verbergen", scheint er zu sagen.

Die Fotoserie von Daniel Seiffert porträtiert den typischen Schwebezustand junger Menschen zwischen Pubertät und Erwachsensein. Ihren Trotz, ihre Rebellion, ihren Versuch, anders zu sein. Das drücken Daniel Seifferts Fotos in einer unaufgeregten, symbolhaften Bildsprache aus. Lübbenau benutzt er nur als Rahmen. Ein Rahmen aus ausgedienten Industriebrachen, Wartehäuschen, einem Skatepark, Plattenbaugebieten und viel Grün. Auch kleine Momente des Glücks vermitteln seine Bilder: Eine gelb-grüne Wolldecke auf einer sonnenbeschienen Wiese, nur ein paar nackte Füße ragen unter der Decke hervor. So einfach kann es sein, sich für ein paar Minuten vor der Welt zu verstecken. Oder das Paar, das sich auf dem nächtlichen Skatepark aneinandergelehnt, sich umarmt, festhält, beschützt, liebt. Das alles sind die Dinge, die die alten Lübbenauer wahrscheinlich auch getan haben. Vielleicht nicht in pinken Leggins, vielleicht nicht mit Skateboard unterm Arm. "Aber es bleibt", so sagt Daniel Seiffert "die immer neue Geschichte einer Jugend voller Energie, Wärme und Kraft."

Die Ausstellung "Kraftwerk Jugend" in der c/o Galerie in der Oranienburgerstraße 34/35 in Mitte hat noch bis zum 11. September täglich zwischen 11:00 und 20:00 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt zehn Euro, ermäßigt fünf Euro.