Geitels Geschichten

Eine Frau für die Paraderollen

Klaus Geitel über die Altistin Margarete Klose

Sie war eine wundervoll zuverlässige, majestätische Sängerin. Wer ihren Namen auf dem Programmzettel gedruckt sah, konnte es sich auf seinem Opernsessel in der Staatsoper bequem machen und dies gleich zwei Jahrzehnte lang. Er kam fraglos auf seine Kosten. Margarete Klose verstand ganz einfach nicht zu enttäuschen. Allerdings: sie sang nicht Sopran, sondern war als Altistin im wahrsten Sinne des Wortes die tonangebende Solistin des Hauses.

Ich hatte sie schon eine kleine Ewigkeit in ihren Paraderollen bewundert. Man lebte schließlich in einer Wagner-Welt, und die herausfordernden und daher gleichzeitig prägnantesten Opernpartien hat schließlich Wagner in sein musikdramatisches Werk eingestreut. In ihnen war Margarete Klose unschlagbar. Das wusste nicht nur in Berlin jedermann. Natürlich hatte sie sich sehr schnell einen sommerlichen Dauerplatz in Bayreuth erobert. Wie, wo und wann Wotan mit seiner Herzensdame namens Brünnhilde auch immer liebend herumzockte, die ihm angetraute Fricka war auf den gutbürgerlichen Nachnamen Klose getauft.

Wohin man auch kam, nach Wien oder Mailand, London, San Francisco oder Los Angeles, immerfort stieß man auf Deutschlands einzigartige Altistin. Schade nur, dass Wagner die Geschichte vom Hasen und dem Swinegel nicht veropert hat. Keine Rolle hätte Margarete Klose besser gelegen als die mit dem Paradespruch: "Ick bin allhier"! Aber auch ich war ja als Schüler zeitweilig nicht allzu weit von ihr entfernt. Ich gab mein Statistendebüt als knapp Siebzehnjähriger in der Krolloper, im Ersatzhaus für die ausgebombte Staatsoper, und meine Antrittsrolle, ach was, meine Antrittsrollen gleich in imponierend spektakulärer Vielzahl, lieferte ich in Wagners "Rienzi" ab. Es war für mich ein unerhörtes Vergnügen und gleichzeitig eine wahre Abenteuerreise durch das Reich der Kunst.

Ich durfte Frau Klose, gewissermaßen als enthusiastischer Wegbegleiter, die Koffer reichen, wenn sie als Adriano Colonna, der liebend dahinrevoluzzernde Heldensohn, überhaupt welche besessen hätte. So konnte ich ihr nur treudeutsch zur Seite stehen. Frau Klose, l902 geboren, stand damals im besten Sängerinnen-Alter. Ihre Stimme war reich entwickelt, sie selbst war glänzend bühnenerprobt: sie war sich jeden Tons, jeder Tonlage, aber auch jeder anhimmelnden Bewegungslage, jeder dramatisch erforderlichen Haltung sicher. Sie war sozusagen ein Lehrbuch des Opernsingens auf zwei unerschütterlich standfesten Beinen.

Dabei war sie zugänglich, heiter und gern auch zu herzlich unpassenden Späßen aufgelegt. Wenn sie in der knienden Reihe der vor Rienzi im Staube liegenden Verehrer demutsvoll niedersank, unterließ sie es nie, dem Tribunen in Gestalt von Max Lorenz so weit wie irgend möglich die Zunge herauszustrecken, allerdings verschlug ihm das glücklicherweise nicht im Geringsten das Singen. Er feixte wahrscheinlich in Heimlichkeit und dachte darüber nach, wann und wo und wie er sich dafür revanchieren könnte. Einstweilen hatte er anderes zu tun: er musste versuchen, unbeschadet das in seinen Filzschuhen daherstampfende Polizeipferd zu besteigen, das ein in römisches Kostüm eingekastelter Polizist für ihn geduldig bereit hielt. Eine Trittleiter half überdies dem Helden dabei, wenn auch nicht gerade hinauf bis zum hohen C.

Knapp zwanzig Jahre, über den Krieg hinweg, gehörte Margarete Klose rastlos und unermüdlich der Staatsoper an, wenn sie auch zeitweilig an Berlins Städtische Oper hinüberwechselte. Kaum aber hatte ihr altes Haus seine Pforten Unter den Linden wieder geöffnet, sang sie von 1955 bis 61 wieder dort, als sei nichts gewesen.

Das Schönste jedenfalls in meinen Erinnerungen: Margarete Klose war immer dabei: eine Berliner Kammersängerin höchsten Ranges. Ich brauchte einige Zeit, um den Mut zu finden, sie um ihr Autogramm zu bitten. Am 12. November 1939 war es soweit bei einem gloriosen Wohltätigkeits-Liederabend mit vereinten stimmlichen Luxuskräften.