Literatur

Die Enden der Geschichte

Für den Roman "In einem andern Land" hat Hemingway 47 unterschiedliche Schlüsse verfasst

In Sachen Selbstplagiat macht Ernest Hemingway so schnell keiner was vor. Seine Romane gleiten auf ihrem vermeintlich schmucklosen Stil dahin wie auf einer panzerfesten Autobahn. Und wenn sie an ihrem Ende angekommen sind, knallen sie nie gegen die Wand, sondern rollen aus, in einen Sonnenuntergang der Seele hinein, dessen Anblick einem das Herz zusammenzieht. Wenn der Held der grandiosen Kurzgeschichte "Schnee auf dem Kilimandscharo" im Fieberdelirium ins Jenseits driftet, erscheint als letztes Bild vor seinem erblindenden inneren Auge der Gipfel, "groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne". Darauf folgt der berühmte letzte Satz: "Und dann wusste er, dorthin war es, wohin er ging."

Diese Meisterschaft, die den Kitsch sacht streift und voll ins Gefühl trifft, rang Hemingway, der 1961 Selbstmord beging, seinen Dämonen so sehr ab wie seinem Sitzfleisch. Beziehungsweise seinem Schuhwerk, denn Hemingway liebte das Schreiben im Stehen. Eine neue Ausgabe seines zweiten Romans "A Farewell to Arms" (bei uns "In einem andern Land"), am Dienstag bei Scribner erschienen, dokumentiert eine Sensation. Bisher hatte man, was der Autor drei Jahre vor seinem Tod der "Paris Review" erzählte, nämlich dass er die letzten Sätze der tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Ambulanzfahrer Frederic Harvey und der Krankenschwester Catherine Barkley bis zu 39 Mal umgeschrieben habe, als Beispiel der ihm eigenen Großmäuligkeit abgetan.

Wie sich nun zeigt, pflegte Hemingway hier indes Understatement. Die neue Ausgabe, eingeleitet von einem Essay seines Enkels Sean, einem Kurator im Metropolitan Museum, der das Buch auch herausgibt, überrascht mit nicht weniger als 47 alternativen Schlussfassungen. Seit den späten Siebzigerjahren schlummerten sie in der Bostoner John F. Kennedy Presidential Library. Auf den letzten Seiten rudert der fahnenflüchtige Offizier seine schwangere Geliebte über den Lago Maggiore in die neutrale Schweiz. Sie landen bei Locarno und reisen nach dem Winter nach Lausanne weiter. Dort stirbt Catherine etwas unvermittelt bei der Geburt. Ihr Kind ist tot geboren.

Catherines Schicksal war, wie man nun feststellt, in jedem Fall besiegelt. Irgendwie muss so eine Liebesgeschichte schließlich aufhören. Und wenn der Mann ein so toller Hecht ist wie Hemingways Alter Ego Harvey, dann kommen Streit und Verlassenwerden nicht in Frage. Unter den verworfenen Fassungen finden sich jedoch allerlei Überraschungen, etwa das sogenannte "Baby-lebt-Ende": "Es gibt kein Ende außer dem Tod, und die Geburt ist nur der Anfang." Ziemlich pathetisch und zugleich erstaunlich sinnlos. Oder das "Fitzgerald-Ende", das offenbar auf einem Vorschlag des Schriftsteller-Freundes beruhte: Die Welt breche jeden, heißt es da, "und die, die sie nicht bricht, tötet sie".

Nach Wochen des Zauderns entschied sich Hemingway für den Hemingway-Klassiker, der weiterhin das Maß aller letzten Dinge ist: "Es war, als würde man sich von einer Statue verabschieden. Nach einer Weile ging ich raus und verließ das Krankenhaus und ging im Regen zurück zum Hotel."