Medien

"Journalismus soll keine vierte Gewalt sein"

RBB-Intendantin Dagmar Reim predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche über "Wahrheit"

Als die heutige Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), Dagmar Reim, noch ein junges Mädchen war, wohnte sie in einem Haus ohne Fernseher. Wenn ihre Mutter sie zum Nachbarbauern schickte, um Milch zu holen, setzte sich die junge Dagmar dann häufig in das Fernseh-Zimmer des Bauern - das leider direkt neben dem Kuhstall des Bauern stand. Ihre Mutter erkannte deshalb immer sofort am Geruch, was ihre Tochter wieder getan hatte: Sie hatte ferngesehen!

Dagmar Reim ist heute 60 Jahre alt und sie erzählt diese Geschichte kurz nach dem Ende des Gottesdienstes, in dem sie predigen durfte. Dieses Nachgespräch hat Tradition nach dieser sogenannten Bürgerkanzel. Einmal im Monat lädt der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Martin Germer, einen prominenten Berliner ein, zu einem bestimmten Thema zu predigen. Wolfgang Thierse sprach zur Frage "Wovon lebt der Mensch?", die Gründerin der Berliner Tafel, Sabine Werth, sprach zum Thema Artmut und die RBB-Intendantin Dagmar Reim ist vorerst die letzte in dieser Reihe. Sie sollte zum Thema "Wahrheit" sprechen.

Leben ohne Internet

Als die Intendantin die Kanzel der Kirche betritt - schwarze Schuhe, lilafarbenes Jackett und strenge Brille - merkt man ihr an, dass sie, die Katholikin, an diesem Ort wirklich zum ersten Mal steht. Das macht sie sympathisch und deshalb verzeiht man ihr auch den Fußballvergleich zu Beginn der Predigt: "Die Wahrheit ist auf dem Platz", einen Satz, den sie von Otto Rehhagel ausleiht und ergänzt: "Wenn es doch immer so einfach wäre." Denn der Journalismus sei komplizierter geworden, seit der "Mahlstrom der Information" stark zugenommen habe.

Im Verlauf der Predigt erzählt Dagmar Reim, wie schwer es Zuschauern gemacht werde, zwischen Fiktion und Fakten unterscheiden könnten. Alles müsse immer "heiß, schnell, grob und laut sein". Als Beispiel führt sie die Doku-Soaps bei den Privaten an - und betont, dass sie aber die Öffentlich-Rechtlichen nicht als "die Guten" bezeichnet haben wolle. An diese Stelle brummt einer der Zuhörer auf den Bänken: "Nee, bestimmt nicht, die von ARD und ZDF sind doch auch abhängig von der Politik."

Schon an dieser Stelle der rund 20-minütigen Predigt wird deutlich, dass die Nachdiskussion vielleicht der spannendere Teil der Veranstaltung sein würde. Und kurz nachdem Pfarrer Martin Germer abschließend für "die Fülle an Informationsmöglichkeiten" Gott gedankt hatte und unter anderem "für die Opfer von Mobbing-Kampagnen im Internet" gebetet hat, erzählte die Intendantin im Stuhlkreis vor dem Altar vor rund 25 Zuhörern die Geschichte vom Fernseher am Kuhstall.

Die sollte illustrieren, dass sich "die junge Menschen" bald nur noch über das Internet informieren werde. "Was aber, wenn ich kein Internet habe?", fragte eine ältere Zuhörerin. "Dann werden Sie über Fernsehen, Zeitung und Radio weiter gut informiert." Eine andere Zuhörerin sagt, dass gerade die RBB-Sender doch "öde und ohne Pep" seien. Doch Dagmar Reim verweist charmant auf neue Sendungen, die das ändern sollen. Sanft ist sie zu ihren Zuhörern, die strenge Brille nur Tarnung für eine Frau, der eigentlich das Wort "vierte Gewalt" schon zu hart klinge. Sie wolle keine "Gewalt" sein, nur informieren, einordnen, sich an die Wahrheit annähern. So wurde es kein Streitgespräch, sondern eines darüber, wie man mit "diesem Internet" umgehe. Reim habe keinen Facebook-Account. "Ich habe lieber echte Freunde." Der Stuhlkreis applaudiert.

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