Staatsoper

Im Universum von Wolfgang Rihms Albträumen

Mojca Erdmann triumphiert in "Dionysos"-Phantasien

Eine "Opernphantasie" hat Wolfgang Rihm "Dionysos" genannt. "Szenen" (aus eigener Feder) und Nietzsches Dithyramben hat er als Grundlage für seine Komposition zusammengefügt. Man hat an dieser Aufbereitung des Textes zweieinhalb Stunden lang mehr oder minder genüsslich Zeit herumzurätseln, wem man dabei auf die Spur kommen soll oder will: Nietzsche oder Rihm. Die Antwort, kühn, kühl und knapp: Rihm lohnt sich mehr. Er ist und bleibt, was er von Anfang war, ein musikdramatischer Wundermann.

Vor zwei Jahren wurde sein "Dionysos" unter der Regie von Pierre Audi als Auftragswerk der Salzburger Festspiele uraufgeführt, koproduziert von der Berliner Staatsoper und der Niederländischen Oper in Amsterdam. Rihm ist weit mehr als ein Komponist. Er ist ein Erfinder, ein Träumer, der es liebt, sich bei jedem Erwachen selbst aufs Neue zu überraschen. Er ist mutig und einfallsfroh. Er ist darüber hinaus der Heiterkeit durchaus nicht abgeneigt, was sich schon an der Wahl seines Bühnenbildners Jonathan Meese zeigt, eines Hervorzauberers immer erneut bestürzender Projektionen. Sie helfen nur wenig, den Ablauf des Geschehens (oder richtiger Nicht-Geschehens) aufklärend zu erhellen, aber sie bringen einen fantastisch bestürzenden Wirbel ins Spiel, an dem man sich kaum satt sehen kann.

"Dionysos" ist ein Traumspiel der faszinierendsten Art, auskomponiert mit aller Wucht und Verve. Ingo Metzmacher leitet das Orchester mit dem Höchstmaß an Verständnis und Leidenschaft an. Er liefert den Träumen (und Albträumen) Rihms die unermüdlich fesselnde musikalische Grundlage. Bis zur Pause braucht es schon einiger Geduld und Rätselfreudigkeit, sich in den Geistessplittern und Geistesblitzen, die freilich wenig erhellen, zurechtzufinden. Man blickt ziemlich verständnislos zur Bühne hinauf. Aber auch dem ahnungslosen "Herrn N"(also wohl Nietzsche) geht es nicht viel anders. Erst im zweiten Teil zieht Rihm leidenschaftlicher vom Leder.

Wenn es an die Lebens und Sterbenssache geht, bei der ihm "ein Gast" immerwährend herausfordernd zur Seite stand und steht. Nun enthüllt er sich als Apollo, wie es sich ja auch für einen Tenor gebührt. Matthias Klink singt ihn großbögig und tonschön. Mojca Erdmann ist die Triumphatorin unter den singenden Damen. Eine Meisterleistung. Aber auch Georg Nigl, der sich anfangs durch eine von Jürgen Flimm einer Indisposition wegen vorsorglich hatte entschuldigen lassen, steigerte seine Interpretation großartig bis zum Schluss.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Termine: heute, 13. und 15.7., Tel. 20 35 45 55