Loreena McKennitt

Diese Frau ist eine Glaubensfrage

Esoterik für die Massen: Loreena McKennitt verkauft Millionen Platten und ist dennoch kein Teil der Popindustrie. Ein Treffen

Im Internet nennen Fans sie schon einmal: "Unsere Göttin, unser Engel". Tatsächlich wirkt Loreena McKennitt auf der Bühne etwas überirdisch. Wenn das Scheinwerferlicht in ihren wallenden rotgoldenen Haaren funkelt, wirkt sie manchmal wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Aber die kanadische Sängerin und Komponistin ist alles andere als abgehoben. Sie ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Geschäftsfrau. Mittlerweile hat die Interpretin keltischer Musik mehr als 14 Millionen Alben verkauft und damit Gold-, Platinum- und Mehrfach-Platinum-Auszeichnungen eingeheimst - und das in 15 Ländern und auf vier Kontinenten. Am 17. Juli kommt Loreena Mckennitt nach Berlin zu einem Konzert in die Zitadelle Spandau.

Ihre Finger, die bei Konzerten so elegant über die Saiten ihrer Harfe gleiten, haben nichts Zerbrechliches. Ihr Händedruck ist sogar kräftig. Schließlich gräbt sie Gartenbeete um und baut sie ihr eigenes Gemüse an. Gartenarbeit sei ihr Rezept, um auch als international bekannte Künstlerin bodenständig zu bleiben. Ihr grünes Paradies plant die Sängerin deshalb fest mit ein, wenn sie ihre Tournee- oder Aufnahmetermine festlegt. In der Erntezeit will sie nicht zu lange weg sein: "Es gibt Leute, die mich deshalb für verrückt erklären. Sie meinen, ich sollte mich lieber nur um die Karriere kümmern. Aber ich brauche Dinge zum Anfassen, die mich mit der wirklichen Welt verbinden."

Singendes Mädchen vom Lande

Das Mädchen vom Lande aus der kanadischen Provinz Manitoba, wusste schon früh, was sie einmal werden wollte: Tierärztin. Auch die Musik spielte bereits eine Rolle. Zusammen mit anderen Kindern lernte sie schottische Tänze. Als sich die damals Fünfjährige bei einem Autounfall beide Beine brach, bekam sie zum Trost Klavierunterricht. Die Lehrerin verlangte von ihren Schüler n, dass sie im Kinderchor mitsangen. Bald sang Loreena wegen ihrer schönen Stimme solo. Doch an eine Karriere dachte sie lange nicht.

Nach der Schule begann sie ein Veterinärmedizinstudium. Parallel dazu tingelte sie von Auftritt zu Auftritt. 1985 stellte sie ihr erstes Album "Elemental" in Eigenproduktion her. Zwei Jahre später folgte "To drive the cold winter away". Jahrelang spielte sie jeden Sonnabend mit ihrer Harfe auf einem Torontower Wochenmarkt und verkaufte dabei ihre Alben, bis schließlich mit Warner Music eines der weltgrößten Tonträgerunternehmen auf sie aufmerksam wurde und begann, ihre Musik weltweit zu vertreiben. Doch bis heute ist Loreena McKennitt unabhängig geblieben und produziert weiter ihre Alben über ihre eigene Plattenfirma Quinlan Road. Sie ist auch eine Kämpferin für das Urheberrecht und steht Geschäftsmodellen wie Youtube kritisch gegenüber, die sich gratis am künstlerischen "Content" der Kreativen bedienen und gleichzeitig damit sehr gut verdienen.

Ihrem Erfolg gewinnt sie - nach bald einem Vierteljahrhundert internationaler Karriere - nicht nur positive Seiten ab. Zwar genießt sie die künstlerische Freiheit und die finanzielle Unabhängigkeit. Negativ dagegen findet sie den ständigen Blick der Öffentlichkeit. Zu Hause im kanadischen Städtchen Stratford, wo sie schon vor Beginn ihrer Karriere zu Hause war, gelingt es ihr trotzdem, "ein ganz normales Leben" zu führen. Sie genießt es, im Postamt oder im Supermarkt genauso behandelt zu werden wie alle anderen. Die sogenannte Promi-Welt ist für sie nichts anderes als ein Ghetto. "Ruhm verfälscht die Sicht von sich selbst und verhindert, gesunde, normale Beziehungen."

Deshalb ist die Musikerin dankbar für ihre wenigen sehr guten Freunde, die sie schon vor ihrer Karriere kannte. Von denen lässt sie sich auch mal unbequeme Wahrheiten sagen. Im Übrigen hat sie ihre eigenen Methoden, Menschen auf die Probe zu stellen: "Wer deine wahren Freunde sind, merkst du, wenn Du durch schwierige Zeiten gehst. Dann werden die 'falschen Freunde' verschwunden sein."

Loreena McKennitt hat schwierige Zeiten hinter sich. Nachdem drei Freunde, darunter ihr Lebensgefährte, Ende der 90er-Jahre bei einem Bootsunfall ums Leben kamen, investierte sie mehrere Millionen Dollar in Aufklärung und Forschung zum Thema Gewässersicherung und engagiert sich für weitere wohltätige Projekte. Sie sieht es als Verpflichtung, "die Welt ein klein wenig besser zu machen."

Sie ist Perfektionistin. Das muss sie sein, schließlich ist sie nicht nur Künstlerin, sondern auch ihre eigene Managerin. Im Studio kann sie sich deshalb nicht allein auf die Musik konzentrieren, sondern muss im Auge behalten, dass nur ein bestimmtes Budget oder Zeitfenster zur Verfügung steht. Mitunter eine fast schizophrene Situation, wenn etwa die Managerin in ihr zur Künstlerin sagen muss: "Wir müssen diese Aufnahme heute zu Ende bringen." Auch, wenn die Künstlerin noch lange nicht zufrieden ist.

Wie viele Selbstständige arbeitet auch Loreena McKennitt mehr, als sie möchte. Sogar zum Musikhören fehlt ihr manchmal die Zeit. Die Natur hilft der Sopranistin nach Konzerten und Autogrammstunden zur Ruhe zu kommen. Das gelingt ihr am besten, wenn sie mit ihrem Bordercolliemischling durch die kanadischen Wälder joggt. Ihr Zuhause ist ein Bauernhof. Einfach nur vor die Tür zu gehen und sich einen Salat für das Mittagessen holen zu können, - das ist für sie wahre Lebensqualität.

Mit Cello, Drehleier und Oud

Ihre Passion für die Kelten entdeckte die Musikerin, die neben Harfe und Klavier auch Akkordeon spielt, bereits als Jugendliche. Unermüdlich ist sie seitdem auf den Spuren der keltischen Kultur - quer durch Europa und Asien bis hin nach Indien. Ihre Musik sollte aber nicht nur nach streng keltischen Kriterien untersucht werden. Sie sei eher eine Art Mosaik, bestehend aus einer Vielzahl kultureller und musikalischer Elemente. Auch wenn Loreena McKennitt Solistin ist, tritt sie schon lange nicht mehr alleine auf, sondern wird von Musikern begleitet, die neben herkömmlichen Instrumenten wie Geige, Gitarre oder Cello auch historische Instrumente wie Drehleier, Oud oder Lyra spielen. Ihre Musik hat nichts mit Zeitgeist zu tun. Sie besitzt Tiefe, andere sagen, es sei wie ein Hauch von Ewigkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum sie gerne bei spirituellen Veranstaltungen gespielt wird. Egal, wo sie hinkommt, wird sie nach ihrem Glauben gefragt. "Der Mensch braucht eine spirituelle Verbundenheit", meint Loreena McKennitt . Die Frage nach Gott ist für sie aber eine belastete Frage. Sie verhaspelt sich und seufzt: "Stellen Sie mir lieber Fragen über Musik oder die Musikindustrie. Die sind viel einfacher zu beantworten." Spiritualität ist für sie nicht nur an eine Religion gebunden. Auch Musik bedeutet für sie eine spirituelle Erfahrung. "Sprache kann bei nicht ausdrücken, was die Musik kann."

Konzerttermin 17. Juli, 19, 30 Uhr, Zitadelle Spandau.

Meistgelesene