Open-Air

Mit Früchtetee und Frischhaltefolie im Freiluftkino

Das derzeitige Wetter macht es den Berliner Open-Air-Kinobetreibern nicht leicht. Warum sie trotzdem nicht verzweifeln

Donnerstagabend, 21.45 Uhr. "Es regnet Bienchen", wie meine Mutter sagen würde. Riesige, schwere Tropfen, die so heftig auf den Boden klatschen, dass das Wasser wieder hoch spritzt und es aussieht, als würden Millionen kleine Flügelchen über der Straße flattern. Dazu grummelt der Himmel unheilvoll vor sich hin, und gewaltige Blitze durchzucken den Himmel. Der Kartenabreißer des Freiluftkinos im Innenhof des Kunstquartiers Bethanien strahlt mich an. "Sehr tapfer", sagt er lobend und reicht mir eine Karte. Sie ist sofort durchnässt. Die Frischhaltefolie, die er über das Vordach seines Kartenhäuschens gespannt hat, sieht zwar lustig aus, hält aber den Regen nicht ab.

"My Week With Marilyn" läuft an diesem Abend. Und ich staune nicht schlecht, als ich tatsächlich einige Zuschauer unter den riesigen Sonnenschirmen entdecke. Zugegeben, es sind nur zehn. Die aber sind ausgesprochen gut gelaunt und brechen erst mal in schallendes Gelächter aus, als Michelle Williams als Marilyn Monroe gleich in den ersten Sekunden des Films von einer "Tropical Heat Wave" singt. Während der Filmvorführer noch mal schnell durchs Bild huscht, um zu fragen, ob sich nicht jemand ein Regencape ausleihen möchte.

Abrechnung erst im September

Eine Filmvorführung für zehn Leute. Eigentlich passen fast tausend Menschen in das Freiluftkino im Bethanien-Garten. Das muss doch ein Verlustgeschäft sein. "Nein", sagt Louis Schneider, der Betreiber dreier Freiluftkinos in Kreuzberg, Friedrichshain und Rehberge. Seine Devise: "Abgerechnet wird erst im September". Von Mai bis August haben die drei Freiluftkinos geöffnet. Aber 50 Prozent der gesamten Zuschauer kämen erfahrungsgemäß in nur zwei Wochen zusammen, so Schneider. In den zwei Wochen, in denen es mal durchgehend warm und trocken ist. "Wenn zwei Wochen lang die Sonne scheint, ist alles gut." Die restlichen Prozent verteilen sich dann eben über die dreieinhalb Monate mit mittelmäßigem Wetter. Selbst im vergangenen Jahr habe er keinen Verlust gemacht. Obwohl er 15 Prozent weniger Zuschauer hatte und damit 30.000 Euro weniger eingenommen hat als in einer "normalen Saison".

Insgesamt kommt er in solchen Sommern bei "plus/minus null" raus. So ein Null-Geschäft werde aber erst nach drei Jahren kritisch, sagt Schneider. Bis dahin müsse man das Geschäft mit den Freiluftkinos als Mischkalkulation betrachten. Ein gutes Jahr wie beispielsweise 2003 mit dem monatelangen heißen und trockenen "Jahrhundertsommer" hat insgesamt 70.000 Zuschauer in seine Frischluftkinos gelockt. In normalen Jahren sind es etwa 45.000, in schlechten 35.000. "Solche Sommer wie 2003 sind natürlich der Traum jedes Freiluftkino-Betreibers", meint er. "So kann man einen kleinen Puffer aufbauen für die verregneten Sommer."

Dabei braucht es allem Anschein nach mehr als ein paar Blitze und Regenschauer, um die Berliner davon abzuhalten, ins Freiluftkino zu gehen. Ins Sommerkino Kulturforum am Potsdamer Platz kamen trotz des gewaltigen Gewitters am vorvergangenen Wochenende 352 Zuschauer, um den "Ziemlich besten Freunden" zuzusehen. Die meisten Berliner Open-Air-Kinos sind sowieso bestens vorbereitet auf bienchenartige Regengüsse. Es gibt stabile Überdachungen und Decken, heißen Tee und Kaffee und manchmal sogar Regenjacken zum Ausborgen. Abgesagt wird selten eine Vorstellung. Und wenn, dann bekommen die Besucher, die umsonst erschienen sind, Freikarten. Das ist so üblich. Betreiber Louis Schneider: "Wir sind da. Immer. Wir zeigen auch für fünf Zuschauer einen Film." Heute sind wir zu zehnt. Glück gehabt. Absagen musste Schneider in diesem Jahr erst drei Vorstellungen. Den deutlichsten Besucherrückgang bei Freilichtbühnen und Open-Air-Kinos gab es im Sommer der Fußballweltmeisterschaft 2010, wie eine deutschlandweite Studie der Filmförderungsanstalt über die Jahre 2007 bis 2011 ergab. Über ein Viertel weniger Zuschauer kamen in diesem Jahr. Doch schon 2011 erholten sich die Freilichtbühnen und Open-Air-Kinos.Die Studie "Kino-Sonderreformen" hat für das Jahr 2011 sowohl steigende Besucher- als auch Umsatzzahlen ergeben. Zu den Kinosonderreformen zählen unter anderem Open-Air-Veranstaltungen, Saison- und Autokinos. Die meisten Besucher haben Autokinos (plus 33,8 Prozent und Saisonkinos (plus 12,6 Prozent) dazugewonnen - trotz rückläufiger Leinwandzahlen. Entgegen dem bundesweiten Trend gibt es in Berlin aber immer mehr Open-Air-Kinos. Der durchschnittliche Eintrittspreis war 2011 im Vergleich zum Vorjahr über alle Kinos gerechnet um 0,12 Euro auf 7,39 Euro gestiegen. In Berlin geht die Saison für die Frischluftkinos von Mai bis September, die Eintrittspreise liegen zwischen sieben und acht Euro, das Freiluftkino Friedrichshain gehört mit 1500 Plätzen zu den größten in Berlin.

Hoffnung auf Besserung

Aber wie geht es weiter mit dem bisher so feuchten Sommer 2012? Besteht vielleicht doch noch Hoffnung auf Besserung? Gerd Saalfrank vom Deutschen Wetterdienst will keine Langzeitprognose abgeben. Allerdings sagt er: "Wenn man die Siebenschläfer nicht von einem, sondern von mehreren Tagen ableitet, dann bleibt die Tiefdrucklage über Deutschland noch ein paar Wochen bestehen. Mindestens bis Ende Juli." Gewitterreiche Luft also, viel Regen, schwüle Spannung.

Genau wie an diesem Abend im Bethanien-Garten. Aber es ist angenehm warm, und das Gras duftet so frisch, wie nur sommernasses Gras duften kann. Die Blitze kommen nun seltener, und wir, die zehn Zuschauer, hocken wie eine verschworene Gemeinschaft auf den dunkelblauen Plastikstühlen zusammen, prosten uns mit Früchtetee zu und machen uns gegenseitig Komplimente für unsere bunten Friesennerze. Der Regen sprüht in schillernden Wolken vor dem Projektorenlicht, und Marylin singt ein letztes kleines Lied über Liebe. Schön eigentlich. Beim nächsten Gewitter, das nehme ich mir vor, lade ich meine Mutter ins Kino ein.