Sachbuch

Die Ewigkeit kann ziemlich langweilig werden

Der erste Kaiser von China glaubte an die Möglichkeit, ewig zu leben.

Er schottete sein Reich gegen alles Unvorhersehbare ab, ließ eine mehr als tausend Kilometer lange Mauer bauen und ersann zahlreiche Reformen zur Verbesserung des Wirtschaftslebens. Eifrig schluckte er Zaubertränke und bereiste das Land auf der Suche nach einem Unsterblichkeitselixier. Ob in der chinesischen Frühgeschichte, im altägyptischen Osiris-Kult oder im Gilgamesch-Epos - in den Gründungsmythen vieler Zivilisationen spielen Lebenselixiere eine zentrale Rolle.

Der Wunsch, das Leben zu verlängern, ist der Motor unserer Zivilisation. Die einen hoffen, Altern und Tod durch Vitamine und Antioxidantien in den Griff zu bekommen. Die anderen führen Kriege, malen Bilder oder schreiben Romane. Wenn sie schon selbst sterben müssen, dann wollen sie wenigstens durch ihre Taten und Kunstwerke im Gedächtnis der Nachwelt fortleben. Wieder andere verlegen sich aufs Kinderkriegen und sichern so den Fortbestand ihrer Gene. Alles nur Illusion, behauptet Stephen Cave. Mit Witz und kühlem Sachverstand geht der in Cambridge promovierte Philosoph daran, die verschiedenen "Unsterblichkeitserzählungen" der Menschheit zu demontieren. Fortleben, sagt er, bedeutet zumindest in unserer westlichen Kultur vor allem die Fortexistenz des individuellen Bewusstseins - und das sichert weder eine große Enkelschar noch die kollektive Erinnerung an vergangene Leistungen.

Cave spannt einen weiten Bogen von antiken Legenden bis zum modernen Gesundheitswahn. Auch im religiösen Glauben an das Fortleben der Seele - sei es durch Auferstehung oder Wiedergeburt - erkennt er nur eine weitere Illusion zur Bewältigung der Angst vor dem Tod. Die in vielen Religionen verbreitete Vorstellung, der Geist könne den Körper überleben, mag den Menschen zwar Trost bieten, sie hält den Erkenntnissen der Hirnforschung jedoch nicht stand. Angesichts der Tatsache, dass Millionen von Neuronen unser Bewusstsein hervorbringen, stehen die Aussichten für das Überleben einer Seele nach dem physischen Tod nicht gut. Da hilft es nur, die Sterblichkeit zu akzeptieren. Und die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu richten. Dann könnte es gelingen, in der Beschränkung der Lebenszeit sogar eine Chance zu sehen. Der Wert einer Sache hängt von deren Knappheit ab, und wer sich seiner Sterblichkeit bewusst ist, weiß seine Zeit zu schätzen. Nebenbei erinnert Cave in seinem desillusionierenden, aber amüsanten Buch daran, dass die Ewigkeit auch ziemlich langweilig sein könnte. Wer schon an einem regnerischen Sonntagnachmittag nichts mit sich anzufangen weiß, sollte seinen Traum vom ewigen Leben jedenfalls noch einmal überdenken.

Steven Cave: Unsterblich. S. Fischer, Frankfurt/M. 367 S., 22,99 Euro