Konzert

Eddie Vedder hat sein Publikum fest im Griff

Hemmungslose Liebesaffäre zwischen Bühne und Saal: Die Rockband Pearl Jam gibt zwei ausverkaufte Konzerte in Berlin

Sie halten das Banner des Rock 'n' Roll hoch, den sie vor 20 Jahren an der Seite von Bands wie Nirvana oder Soundgarden in Seattle als "Grunge" neu erfunden haben. Pearl Jam sind ein Unikat, ein Phänomen, eine Glücksbringer-Combo mit so treuer wie weltumspannender Gefolgschaft. Die mehr als 12.000 Besucher in der O2 World verfallen in ausgelassene Euphorie, als Pearl Jam das erste von zwei ausverkauften Berlin-Konzerten mit der Abschiedsballade "Long Road" von 1995 eröffnen. Mit "Why Go" vom 91er-Debüt "Ten" nimmt die Truppe Tempo auf und die Liebesbeziehung zwischen Bühne und Saal nimmt ihren Lauf.

Die Fans öffnen sich ihrer Band mit hemmungsloser Hingabe. Ganze Strophen und Refrains werden textsicher mitgesungen, He-Jos und Hu-Hus werden ausschweifend mitskandiert, vor der Bühne kommt gefährlich Bewegung in die Masse, die vom charismatischen Eddie Vedder immer wieder zur Vorsicht gemahnt wird. Das Drama vom Roskilde-Festival 2000 ist nicht vergessen. Damals kam es während des Auftritts von Pearl Jam zu einem Unglück, bei dem neun Menschen den Tod fanden. Zweimal an diesem Abend kann man miterleben, wie Eddie Vedder die enthusiastische Menge im Griff hat. Es sehe langsam etwas eng aus vor der Bühne, ruft er in den Saal. Auf Kommando mögen bitte alle im Innenraum drei Schritte zurückgehen. Eins, zwei, drei: es funktioniert.

Pearl Jam verzichten auf große Showeffekte. Ein Bühnenbild aus stilisierten Lautsprecherboxen mit den Initialen PJ genügt. Der Sound ist gut, die Bühne kompakt und die Musiker sind in bester Spiellaune. Für jedes Konzert schmeißen sie ihr Programm komplett um. Kein Abend gleicht dem anderen. Hier ist die Musik die Show. Die Fans wissen es zu schätzen.

Pearl Jam haben sich im Laufe ihrer Karriere zu einer eingeschworenen Gemeinschaft entwickelt. Ihr Sound ist von rauer Romantik, breitflächig hymnenhaft und getragen von Eddie Vedders leidenschaftlicher Stimme, angetrieben von Matt Camerons aufreibendem Schlagzeugspiel, Jeff Aments drängendem Bass und den Gitarren von Mike McCready und Stone Gossard. Keyboarder Boom Gaspar komplettiert die Tour-Besetzung.

"Hallo ihr da unten, Hallo ihr da oben", begrüßt Vedder in breitem Lebowski-Englisch seine Gemeinde. "Fünf Mal waren wir in der Wuhlheide. Das hier ist mal ein anderer Ort. Aber wir haben ihn ganz für uns. Und wir können machen, was wir wollen." Zum Beispiel "Happy Birthday" singen. Mitten im Konzert holt Vedder die Mutter von Gitarrist Mike McCready auf die Bühne. Sie ist mit nach Berlin gekommen. Und sie hat Geburtstag.

Neuere Stücke wie "The Fixer" gehören ebenso zum Programm wie "Faithful", "Hard To Imagine", "Jeremy", "Alive", "Once" oder das exzessive "Rearviewmirror", mit dem dieses atemlose Konzert sein vorläufiges Ende finden wird. Balladen und heftige Rocksongs wechseln sich stimmig ab. Insgesamt bringen es Pearl Jam an diesem Abend auf 28 Stücke, darunter ist mit "I Believe In Miracles" auch eine Ramones-Coverversion.

Zweimal kommen sie zu langen Zugabenblocks zurück. Dabei gibt es ein ausuferndes "Rockin' In The Free World" von Neil Young. Es geht bereits auf Mitternacht zu, als mit der Ballade "Indifference" von 1993 ein langer Abend mit einer der fraglos großartigsten Live-Rockbands unserer Tage zu Ende geht.