Musik

Daniel Barenboim lässt keinen Takt lang locker

Philharmonie: Benefizkonzert mit Anne-Sophie Mutter

Das kann man wahrhaft ein Benefiz-Konzert nennen, das, wie jetzt in der Philharmonie, Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim zu gemeinsamem Musizieren zur Förderung des Wiederaufbaus der Staatsoper mit der ausgezeichneten Staatskapelle vereinte. Nur zwei Werke auf dem Programm, beide von Johannes Brahms: das heißgeliebte und vielbewunderte Violinkonzert und der melancholische Lebensabschied mit der partiell knurrigen 4. Sinfonie des Meisters. Beide Werke wurden mit höchster künstlerischer Intensität und tiefster Einsicht in Körper und Seele vorgestellt.

Eine Geigerin wie die Mutter ist einzigartig: durch die tiefe formale Einsicht in den Körper der Musik, die sie vorträgt, und gleichzeitig durch die Intensität ihrer Darbietung, die auf nichts anderes zielt als darauf, Tonschönheit und Akkuratesse zu vereinen. Beides gelingt ohne auch nur die geringste Anbiederung an das Publikum.

Barenboim hat im Verlauf der Jahre eine einschneidende Veränderung seiner Kunst hervorgebracht. Sie begnügt sich nicht mehr mit der ästhetisch einleuchtenden Durchformulierung. Sie setzt fortgesetzt dramatisch treffende Akzente. Vielleicht ist diese Erkenntnis Barenboim erst zugewachsen, seitdem er sich mehr und mehr mit der Arbeit in der Oper beschäftigt. Seine kraftvolle Akzentuierung reißt inzwischen sogar seine Staatskapelle aus der alltäglichen Abendruhe am Pult. Barenboim lässt keinen Takt lang locker.

Das kommt gerade der 4. Sinfonie sehr zupass. Sie wächst mit ihrem Schluss-Satz verzweiflungsvoll über alle sinfonische Herkömmlichkeit heraus. Klagen und Anklagen wechseln sich in seinem herausfordernden Duktus immerfort ab. Eduard Hanslick hat dieses Finale "Allegro energico e passionato" dem Blick "in einen tiefen Brunnen" verglichen: "Je tiefer man hineinschaut, desto mehr und hellere Sterne glänzen uns entgegen". Barenboim und seine Staatskapelle blieben diesem Glanz kein Quäntchen schuldig.