Buch

Vergesst Fontanes "Wanderungen"

Jetzt führt Antje Rávic Strubel durch die Mark Brandenburg

Kann man die Mark lieben? Nicht das Geldstück, nach dem sich viele sehnen. Nein, die Mark Brandenburg ist gemeint. War da nicht was? Und zwar was sehr Unangenehmes? Glatzen, Neonazis, jede Menge Proleten? Gut, in der Mark steht auch tolle Architektur herum, und die Naturschutzgebiete sind nicht ohne. Wenn nur die Leute nicht wären, die das alles bewohnen! So denkt, Hand aufs Herz, seit der Wende der Mehrheitsdeutsche, und auch zu anderen Zeiten stand die Region nicht hoch im Kurs. "Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches" wurde sie genannt. Doch seit der Wende ist etwas Neues ist entstanden. Wie immer erkennt es nur, wer sich drauf einlässt. Aber an die Hand genommen werden muss er schon. Und die Hand streckt jetzt Antje Rávic Strubel aus.

Sie, die im letzten Jahr mit ihrem Roman "Sturz der Tage in die Nacht" Furore machte, führt uns jetzt durch Potsdam und die Mark. Vergesst Fontane, kann man da nur sagen. Ab jetzt wird gewandert mit Frau Antje. "Brandenburg ist eine Überdosis Dorf": Mit dieser Lektion fängt sie gleich mal an. Und sie weiß, wovon sie spricht. "Machen Sie sich keine Illusionen: Ich bin kein Fan von Brandenburg. - Ich wurde hier geboren. Ich lebe hier. Das ist alles." Dieses bescheidene "das ist alles" umfasst einiges. Antje Rávic Strubel kennt hier Weg und Steg. Ob im Spreewald oder in den Thermalbädern Brandenburgs, ob auf der märkischen Seenplatte oder den Obstwiesen des Havellandes: überall ist sie zu Hause.

Und historisch versiert! Sie weiß, wer die Kartoffel wirklich in der Mark heimisch machte (nicht der alte Fritz), und sie kennt das Originalrezept vom Fürst-Pückler-Eis.

Strubel kann herrlich respektlos sein - dann nennt sie (nicht ohne Grund) Sanssouci den "Darkroom von Potsdam", und sie kann seelenvoll schwelgen; ein Gang durch die vielen wunderbaren Parks im Herbst, "dann ergreift eine herrliche Wehmut den Körper". Sie ironisiert unsere Nationalzitate, indem sie das Diktum "Preußen hat sich großgehungert" auf die Botanik anwendet und (mit Helene von Nostitz) schreibt: "Die Pflanzen werden hier nicht gemästet und gepflegt, sondern groß gehungert und groß gedürstet."

Tja, das immer ein wenig Dürftige, das (mit Fontane zu sprechen) "auf ein Pflichtteil des Glücks" Gesetzte, das gehört eben doch noch zu Brandenburg - oder mit den Worten von Antje Rávic Strubel: "Das Klischeebild des typischen Märkers: leicht begnüglich und etwas derb" behält seine Richtigkeit.

Trotz der "Verfreundlichung der Städte". Denn eines ist ganz klar, und Frau Antje sagt es auch: Ohne die Wiedervereinigung wäre das alles nichts. Blühende Landschaften? Hier haben wir mal eine. Wer sie nicht kennt und genießen kann, bestraft sich selbst. Darum in Staub mit allen Vorurteilen Brandenburg betreffend!

Antje Rvic Strubel: Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg. Piper, München. 250 S., 14, 99 Euro