Interview

"Kapitalismus muss mitfühlend sein"

Kultregisseur David Cronenberg über seinen systemkritischen Film "Cosmopolis" und dessen überraschende Bezüge zur Finanzkrise

Es ist der Film zur Krise. Der kanadische Regisseur David Cronenberg, berühmt für schräge Kinokost wie "Die Fliege", verfilmte mit "Cosmopolis" den gleichnamigen Roman von Don DeLillo über den Niedergang eines Spekulanten, der fast ausschließlich im Inneren einer Stretchlimousine spielt. Kapitalismuskritik als klaustrophobisches Kammerspiel. Dabei versteht er gar nicht viel von Wirtschaft, wie der Filmemacher im Gespräch mit Thomas Abeltshauser erklärt.

Berliner Morgenpost:

Herr Cronenberg, man fühlt sich in Ihrem neuen Film, der heute startet, extrem eingeengt...

David Cronenberg:

Das soll auch so sein. Ich wollte eine klaustrophobische Atmosphäre erzeugen. Der Film ist ganz aus der Sicht der Hauptfigur, Eric, gedreht, deshalb soll man spüren, wie es ist, die ganze Zeit in dieser schalldichten Limousine zu verbringen und New York nur durch die Autoscheiben wahrzunehmen. Eric sitzt in seiner Limo wie auf einem Thron und zwingt jeden, zu ihm zu kommen. Zugleich ist er völlig isoliert, von der Stadt, dem Leben, und lebt wie in einem Gefängnis.

Welche Rolle spielt da der Körper, der ja in Ihren Filmen immer wieder malträtiert und technisch verändert wird?

Ich gehe bei der Figurenentwicklung ganz traditionell heran: Wer ist diese Figur? Welche Klamotten trägt er? Wie spricht er? Darüber denke ich nach. Ich komme nicht ans Set mit einem abstrakten Körperkonzept. Ich habe auch nicht meine anderen Filme im Kopf, wenn ich einen neuen drehe. Ich gehe immer heran, als hätte ich vorher noch nie einen gemacht.

Und wenn ich Sie nun im Nachhinein frage?

Dann würde ich sagen, dass wir hier einen sehr abgeschotteten Charakter haben. Er lebt in dieser abstrakten Welt der Finanzen, Zahlen und Computer, aber er hat die Verbindung zum Menschsein verloren. In dem Sinn geht es natürlich wie bei meinen anderen Filmen um Körper, aber bewusst war das nicht. Ich habe keine Regeln und keine Checkliste, auf der "Körperhorror", "Identität" oder ähnliche Begriffe stehen. Ich kann Ihnen aber sagen, was mich ganz konkret an "Cosmopolis" interessiert hat: Es waren die Dialoge. Diese typisch stilisierten, auch komischen DeLillo-Dialoge. Die waren so gut, dass ich nur sechs Tage brauchte, um das Drehbuch zu schreiben.

Erwartungshaltungen, die man an Sie hat, interessieren Sie nicht?

Ich kann doch nicht daran denken, was das Publikum oder die Kritiker von mir erwarten. Weil mein Hauptdarsteller Robert Pattinson in diesen "Twilight"-Filmen mitspielt, werde ich jetzt dauernd gefragt, ob der Banker, den er darstellt, eine Art Vampir ist. Ganz ehrlich: interessiert mich nicht. Wenn ich mir darüber Gedanken machte, würde ich ja verrückt werden.

Aber Sie spielen durchaus mit Pattinsons Image, dem von Paparazzi verfolgten Star, der wohl auch ein isoliertes Leben führt...

Ich spiele nie mit dem Image eines Darstellers, das wäre auch ein Fehler. Ich will ja, dass die Leute den Film auch noch in 30 Jahren sehen. Nehmen Sie alte Hollywoodfilme mit Humphrey Bogart zum Beispiel. Wenn junge Menschen die heute sehen, wissen sie vielleicht nicht, wer er war, aber er überzeugt noch immer mit seinem Schauspiel, seiner Stimme.

Glauben Sie denn, dass "Twilight"-Fans in Ihren Film gehen werden?

Wer nur ein Fan von "Twilight" und dem Vampir ist, den wird "Cosmopolis" natürlich nicht interessieren. Wer aber ein Fan von Pattinson ist, muss "Cosmopolis" sehen, denn er ist in fast jeder Szene.

Der Roman erschien 2003, Jahre vor der jetzigen Krise. Dennoch hat der Film mit den Straßenschlachten hochaktuelle Bezüge.

Wir waren selbst überrascht, als wir tagsüber diese Szenen drehten und abends im Fernsehen die Bilder von Occupy Wall Street sahen. Die Parallelen waren so bizarr, es sah fast so aus, als ob wir einen Dokumentarfilm drehten. Aber es war purer Zufall. Natürlich steckt im Buch viel Kapitalismuskritik, aber ich habe keine Ahnung, wie sich die Situation weiter entwickelt. Ich gebe mit "Cosmopolis" keine Antworten, weil ich selbst keine habe.

Wenn der Film den Ende des Kapitalismus zeigt, was kommt danach?

Es wird auf jeden Fall interessant, oder? Ich lebe in Kanada, ein Land, das von den USA als sozialistischer Kapitalismus angesehen wird. Das ist natürlich Quatsch. Puren Kapitalismus kann es gar nicht geben, weil er immer auch menschlich ist, mit allen Fehlern, die wir haben. Ich muss zugeben, dass ich nicht viel Ahnung von Wirtschaft habe und was ich jetzt sage, klingt sicher sehr kanadisch, aber ich denke, Kapitalismus muss mitfühlend sein.

Wie soll das gehen?

Der Kapitalismus, wie er in den USA herrscht, ist sehr brutal. Wenn man kein Geld verdient, Pech gehabt! Man muss stark und unabhängig sein, sonst fällt man durchs Gitter. In Kanada haben wir immer noch die Einstellung, dass man sich um die Schwachen in der Gesellschaft kümmert und es nicht wehtut, wenn man ein paar Steuern dafür zahlt. Das Gute an dieser Finanzkrise und der Eurokrise ist: Man sieht, dass kein Land isoliert ist. Wir sitzen alle in einem Boot und es ist klar, dass wir zusammenarbeiten müssen.

Welchen Einfluss hat die Krise auf Sie als Filmemacher?

Als es noch Leute gab, die investieren und spekulieren wollten, war es sehr viel einfacher, einen komplexen Film mit Ecken und Kanten finanziert zu bekommen. Bei meinem letzten Film hat sich alles geändert. "Eine dunkle Begierde" war eine kanadisch-französische Koproduktion, in den USA hätte ich nach dem Verschwinden der unabhängigen Studios dafür kein Geld bekommen. Dort werden 200 Millionen-Dollar-Filme gedreht, die völlig glatt und konservativ sind, weil sie ihre immensen Kosten wieder einspielen müssen.