Geitels Geschichten

Blutsbrüder im Bariton

Klaus Geitel über zwei Meistersänger

So geht das nun einmal in der Oper: Man geht zwar mit zwei Ohren hinein, aber im Grunde scheint man immer erneut auf dem anderen Ohr vorsätzlich taub. Das glückliche ist nur den eigenen Favoriten unter den Sängern reserviert. Man hält ihnen die Treue. Man knausert nicht mit dem Jubel. Beidhändig klatscht man immerfort nur für den einen, der einem aus diesem oder jenem Grunde besonders am Herzen liegt. Der Gegenspieler geht eher leer aus. Es ist schon eine Schande! Dennoch ist es schwer, gegen sie anzugehen.

Manchmal sind die Opernhäuser zu ihrer eigenen Sicherheit aber auch selbst schuld an diesem Dilemma. Wer in den Kriegszeiten der Staatsoper Wagners Werke zu hören begehrte, stolperte immer über einen der beiden Meistersinger, die da Rudolf Bockelmann und Jaro Prohaska hießen. Sie lieferten abwechselnd die Wunderpartien des Hans Sachs oder des Wotan im Ring-Zyklus. Sie waren nicht nur dem Haus, sie waren natürlich auch Bayreuth unentbehrlich. Man fraß ihnen, was auch immer sie sangen, voller Dankbarkeit und Bewunderung buchstäblich aus der Hand. Prohaska war der Ältere von den beiden, aber dies auch nur um ein einziges Jahr.

Er wurde 1891 in Wien geboren, Bockelmann kam im Jahr darauf in der Umgebung von Celle zur Welt. Er gab dort gewissermaßen sein Lebensdebüt und in Celle debütierte er auch prompt 1920 als Sänger. Von da an ging es flux hinauf - über Leipzig nach Hamburg und von dort 1932 nach Berlin an die Staatsoper. Bayreuth hatte er sich schon von Hamburg aus vier Jahre früher erobert.

Prohaska hatte natürlich vor der Haustür, also bei den Wiener Sängerknaben mitgesungen, wenn natürlich auch noch nicht in der Baritonlage. Seiner Entwicklung zum Kammersänger stand allerdings ein zeitweilig unüberwindliches Hindernis im Wege: der 1. Weltkrieg sperrte ihn für vier Jahre hinter die Gitter russischer Gefangenschaft. 1919 erst kam er frei. Drei Jahre später debütierte er in Lübeck, wo er weitere drei Jahre lang blieb. Danach ließ er sich für sechs Jahre nach Nürnberg verpflichten. Dann aber schlug die Berliner Staatsoper zu und nahm ihn für 22 Jahre künstlerisch in Dauerhaft. Im Halbjahresabstand habe ich die Namenszüge beider Herren in meinem Autogrammbuch einfangen können. Am 9. Juni 1939 hatte ich Bockelmann als Hans Sachs gehört und ergatterte ihn nach der Vorstellung an der Bühnentür. Um Prohaska zu erwischen, musste ich schon länger in der Kälte bibbern. Er war am 12. Januar 1940 in der "Götterdämmerung" aufgetreten. Noch hatte der Bombenterror nicht richtig begonnen. Man kam selbst nach den Riesenstücken Wagners ohne Zwischenlandungen im Luftschutzkeller nach Hause. Was einen noch heute verwundert, ist der Reichtum der Ensembles an künstlerisch gleichgewichtigen deutschen Sängern. Sie verfugten sich zu Ensembles von schier unendlicher Vollkommenheit. Allein schon die Vielzahl exzellenter Tenöre machte einen immer aufs Neue staunen.

Genauso aber war es auch mit den Sopranen bestellt. Man konnte aus dem Vollen besetzen. Mit einem Wort: Es gab ein Ensemble, das sich als eine künstlerische Gemeinschaft verstand und auch so musizierte. Auf jeden Einzelnen war Verlass. Ratsam war es nur, die Vorstellungen am Montag zu meiden, diese geschlossenen Vorstellungen der Nazi-Vereinigung "Kraft und Freude". Sie beschäftigte meist nur Sängerinnen und Sänger aus dem zweiten oder gar dritten Glied. Bockelmann wie Prohaska gehörten natürlich unbestritten zum allerersten. Richard Wagner schien den Hans Sachs in den "Meistersingern" Bockelmanns Nachdenklichkeit geradezu auf den Leib geschrieben zu haben. Prohaska war dagegen die etwas schroffere, attackierendere Natur. Er war unwiderstehlich. Er verstand für seine Rollen zu kämpfen und ihren Glanz mit Bedeutung aufzupulvern. Wie auch immer: Prohaska und Bockelmann waren keine Rivalen, sie waren Opern-Blutsbrüder im Baritonfach.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern