Deutsches Symphonie-Orchester

Wie man heute eine Tournee finanziert

Über Jugendaustausch, Bildung und Medien: Das Deutsche Symphonie-Orchester hat es vorgemacht

Auf dem Podium bäumen sich die Ekstasen des "Don Juan". Nach der Pause wölbt sich Mahlers 5. Sinfonie in trotziger Wucht bis zum sechsten Rang des stuckstrotzenden Baus empor, aber auch die Streicherzartheit des Adagiettos flirrt bis unters Dach. Am Ende entlädt sich Applaus. Vladimir Ashkenazy zuckt zufrieden mit der Braue. Auch die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) schauen sich glücklich, endlich entspannt an. Zehn Tourneetage in Südamerika liegen hinter ihnen, doch das Buenos-Aires-Konzert im legendären Teatro Colon, das frisch renoviert in seinem edlen Golddekor prunkt, war natürlich der Höhepunkt.

Präsenz als Kulturnation

Beifall im berühmtesten Opernhaus des Halbkontinents, das ist schön. Denn es kommen gegenwärtig nur noch wenige internationale Orchester hierher: Die Tourneen rechnen sich nicht. Seit ab 2001 die argentinische Wirtschaft schwächelte und immer noch krank ist, sind die Gastspiele wieder weniger geworden.

Dabei war Argentinien der finanzielle Anker, der Trips nach Brasilien, Uruguay oder Chile erst möglich gemacht hat. Heute kommen nur noch sehr billige Orchester oder welche, die mit großen Sponsoren arbeiten. In São Paulo zum Beispiel gastiert zur gleichen Zeit wie die Berliner das Orchestre National de Toulouse - welch ungewöhnlicher Zufall - mit seinem Chef Tugan Sokhiev, der von Herbst an ebenfalls Chef des DSO ist.

"Wir alle wollen hier präsent sein, das sind Kulturnationen, das ist wichtig für den Ruf wie auch für die Spielermotivation", sagt DSO-Orchesterdirektor Alexander Steinbeis unumwunden dem eingeladenen Journalisten. "Außerdem ist gerade das aufstrebende Brasilien als Wirtschaftspartner interessant." 20 Millionen Menschen leben im Ballungsraum São Paulo, der größten Industrieregion des Subkontinents. Und mit ihren 230.000 Mitarbeitern formen die mehr als 1000 deutschen Firmen, die zum Teil schon über 100 Jahre hier Niederlassungen haben, quasi die größte deutsche Industriestadt. Da will man als Kulturbotschafter glänzen.

Doch bezahlt werden muss es eben auch. Das DSO darf nur auf Tournee gehen, wenn etwas dazu verdient wird, wie das in Asien, besonders Japan und Südkorea, nach wie vor der Fall ist, oder es muss zumindest mit einer schwarzen Null wiederkommen. Was mit geschickter Kalkulation möglich wird, wenn man in Europa oder Nordamerika unterwegs ist. In Südamerika aber leben nach wie vor viele Emigranten, hier trifft man ein reges Konzertleben mit allein drei staatlichen und städtischen Orchestern in São Paulo. An den Opernhäusern gastierten früher von Caruso bis Callas von Kollo bis Waltraud Meier alle berühmten Sänger - doch heute lässt die Ökonomie solche Extravaganzen nicht mehr zu.

Freilich gibt es Wege und Mittel, trotzdem zu fahren, auch ohne eigenen Großsponsor. Wozu hat man schließlich Medienpartner und Freundeskreise, vor allem auch ein immer wichtiger werdendes "Education"-Programm? Selbst den Veranstaltern, im aktuellen Fall das Mozarteum Brasiliera der Gräfin Lovatelli, die mit Vornamen Sabine heißt und in Hannover aufgewachsen ist, sind inzwischen Mehrwert und Nachhaltigkeit solcher teuren Stippvisiten wichtig. Die Gäste aus Deutschland sollen nicht nur mal kurz zwischenlanden und für die Reichen ein Konzert spielen, man möchte mehr als nur einen guten Eindruck.

Was zweieinhalb Jahre Vorbereitung bedurfte und den Jugendaustausch ins Zentrum stellen wollte. Solches gefiel der Deutschen Welle, dem traditionellen Medienpartner des Orchesters, ebenso wie dem Auswärtigen Amt. Und Hanne Eckrodt, Frau des ehemaligen Mercedes-Benz-Chefs Südamerika und im DSO-Freundeskreis sehr aktiv, bearbeitete hartnäckig den Nachfolger ihres Mannes. So war dann ein Finanzplan geschaffen. Nur 25 Prozent des Tourneebudgets waren Honorare vom Mozarteum, 45 Prozent steuerte Mercedes bei.

Dafür bekommt der Konzern wiederum für die Erziehungsprojekte vom brasilianischen Staat Fördermittel in Form von Steuerreduktionen. Die restlichen 30 Prozent teilten sich das Auswärtige Amt, die Deutsche Welle und das DSO, das seine Überschüsse für solche besonderen Projekte verwenden darf. Das Tourneebudget wurde freilich durch die Education-Maßnahmen und die multimedialen Aktivitäten höher.

Der 74-jährige Vladimir Ashkenazy staunt zwar ein wenig ratlos über die rastlosen Internetaktivitäten im Namen des interkulturellen Austausches des DSO, findet sie aber gut und richtig: "Wir müssen uns weiterentwickeln, als Musiker und Menschen, müssen mit der Gesellschaft vernetzt bleiben. Von mir aus auch über Skype - oder wie das heißt."