Ice Age 4

Und ewig lockt die Nuss

Ice Age 4: Erst droht die Apokalypse, dann kommen auch noch die Piraten. Schuld ist nur die Ratte

Man kennt das ja, erst rutscht die Erde weg, dann treibt man auf der Eisscholle rum, und am Schluss zieht auch noch ein Tornado auf. Das alles kann einem, gerade während der Eiszeit, den Alltag und die Laune verderben, doch ist alles nur halb so schlimm, wenn ein Sonnenscheinchen mit an Bord respektive auf der Eisscholle ist. Es ist ein alter Bekannter in der Ice-Age-Saga: Es ist Sid, das Faultier: "Hinter jeder Ecke", zitiert er eine alte Familienweisheit, "ist immer ein Regenbogen" und man meint für einen Augenblick den Optimismus des frühen Udo Jürgens ("Immer wieder geht die Sonne auf") zu spüren, mit dem Sid auf seine Gefährten - Mammut Manfred und Diego, den Säbelzahntiger - einredet.

Der Sommer ist da, zumindest kalendarisch, und Teil 4 erscheint heute (ja, an einem Montag; verstehe einer diese Verleiher) ziemlich exakt genau drei Jahre nach "Ice Age 3 - die Dinosaurier sind los". Der Vorgänger ist eine Bürde, war er doch einer der gelungensten Animationsfilme aller Zeiten; mit einer rasanten, wortwitzigen Erzählung, einem Durchbruch in der 3-D-Technik und einem aufdrehenden Scrat, der für irgendein aufreizendes Säbelzahneichhörnchen - artverwandt mit einer Ratte - sein liebstes Hobby vernachlässigte und erst nach Umwegen erkannte, was im Leben wirklich zählt, nämlich die Jagd nach Nüssen. Unvergessen auch Diego, der das Dasein in einer artfremden Herde überdrüssig wurde und ein neues Leben, wie immer es auch aussehen soll, beginnen wollte. Kurzum, es war ein erstaunlich therapeutischer Animationsfilm, als hätten die Drehbuchautoren in der Vorbereitung eine Überdosis an Freud und Selbsthilfebücher gelesen.

Der psychologische Anteil ist in "Ice Age 4 - Voll verschoben" deutlich zurückgefahren. Da gibt es als Problemfall nur noch Manfreds hübsche Tochter Peaches, die sich von ihrem Elternhaus lösen und mit gleichaltrigen Mammuts rumhängen möchte; eine Entwicklung, die Vater Manfred nicht gutheißt, weshalb er glaubt, einschreiten zu müssen. Das Ganze ist wahrscheinlich auch für einen aufgeweckten Sechsjährigen zu platt gehalten. Es weht ein Hauch vom ZDF durch den Kinosaal, weil die Jugend so spricht, wie ältere Menschen (Drehbuchschreiber, Übersetzer) es bei den "junge Leuten" zu hören glauben.

Es ist halt dieses Mal ein Action-Film geworden, bei der man glaubt, Roland Emmerich, Experte für Apokalypsen aller Art, hätte die Regie übernommen. Ständig brechen Felswände ein, der Boden knirscht und trennt Erdplatten auseinander und die allgemeine Kontinentalverschiebung - ausgelöst, man ahnet es, von Scrat - zwingt die Tiere zum Auszug aus der Heimat, ähnlich wie in Teil zwei. Nur ist diesmal die Kernbesetzung nicht dabei, denn die treibt immer weiter fort, wie gesagt, auf einer Eisscholle auf den Weiten des Ozeans. Zu Sid, Mammut und Diego hat sich Sids Großmutter gesellt. Sie wurde von der herzlosen Faultierfamilie, die schon Sid ausgesetzt hatte, zurückgelassen und ist durchaus eine Bereicherung. Sie ist ein wenig schrullig, zuweilen auch ein wenig fern der Realität und dann doch überraschend zielstrebig, wenn sie beispielsweise Manfred und Diego vorschlägt, dass sie ihren endlos quasselnden Enkel Sid "ins Meer schmeißt - und sagt, es war ein Unfall". In Erinnerung wird auch bleiben, wie sie das erste Mal seit Jahren ein Bad im Meer nimmt und die Lache eines havarierten Erdöltankers hinterlässt.

Affe mit Goldkronen

Der größte Feind des Quartetts ist aber nicht die Natur, sondern es sind andere Tiere. Eine Schar übler Gesellen zieht über die Weltmeere, angeführt vom Captain Gutt, einem Affen. Der erinnert entfernt an King Louis aus dem Dschungelbuch, dem "König im Affenstall, der größte Klettermax", nur dass Gutt ein aufwendigeres Gebiss samt Goldkronen aufweist und miserabel singt; das einzige Lied des Films ist, zumindest in der deutschen Version, auch die einzige peinliche Stelle. Wie dem auch sei, als die Schiffbrüchigen Gutts riesiges Eisschiff erblicken, glaubt Sid, die gute Seele, zuerst an die ersehnte Rettung, aber auch ihm wird rasch klar, dass er und seine Gefährten als Material für ein ausgiebiges Dinner herhalten sollen. Gutts Erster Offizier ist eine Säbelzahntigerin, folgerichtig die passende Sparringspartnerin für Diego, ausgestattet mit Angriffswillen, einem zeitgemäßen feministischen Selbstbewusstsein ("Nenn mich nicht Mieze!") und, im weiteren Verlauf erkennbar, dem Herz am rechten Fleck.

Nach dem Action-Part mit allerlei Kampfszenen geht der Kahn unter und Gutt verliert "mein Schiff, meine Beute und die Loyalität meiner Mannschaft", der die Distanz der Mieze (ha!) spürt. Er sinnt nach Rache und baut an Land ein neues Schiff, besser gesagt, er lässt bauen und zwar von geknechteten und sehr süßen Eichhörnchen-Sklaven. Ein Teil aber des tapferen Eichhörnchenvolkes ist frei und bereit, mit Manfred & Co. in den Kampf zu ziehen. Die nächste Schlacht, die nächste Niederlage für Gutt, die nächsten Vorbereitungen für die nächste Schlacht. An dem Affen ist nichts freundlich. Diese Verkörperung des Absolut-Bösen hat Tradition bei den Ice-Age-Machern. Erst waren es Diegos frühere Kumpane, die das Menschenkind fressen wollten, herzlos und aggressiv, im zweiten Teil folgten unerbittliche Meeresungeheuer, und im dritten musste der größte Drachen aller Zeiten besiegt werden. Captain Gutt ist vor allem zäh und nicht abzuschütteln.

Auf der letzten Verfolgungsjagd erleben wir noch eine moderne Homer-Adaption, bei der sie an einer Version der Sirenen-Insel vorbeifahren, in denen Ungeheuer den Vieren jeweils als ein geliebtes Wesen erscheinen. Alle fallen darauf rein, nur als Manfred das Antlitz seiner Frau Ellie sagen hört "Du hattest Recht gehabt", wird ihm schlagartig bewusst, dass es sich um einen Schwindel handeln muss - so etwas würde seine Gemahlin nie sagen. Soviel Herrenwitz muss sein.

Es ist in diesem Fall wohl kein Verstoß gegen gute Sitten, wenn man verrät, dass es zu einem Happy End kommen wird. Schließlich ist ein Film für die Familie, in dem Kinder mit Sicherheit ihren Spaß haben werden und kein Erwachsener sich unter Niveau (allzu häufig) unterhalten haben wird. So reichen sich am Ende Manfred und Peaches liebevoll die Rüssel, und die Welt könnte so ein friedlicher Platz sein, wären da nicht Scrat und seine Leidenschaft. Und ewig lockt die Nuss.