Kunst

Das Atelier, ein magischer Ort

Wie sie malten, wie sie lebten: Ein Bildband porträtiert Künstler in Aktion

René Magritte war die große Ausnahme. Er malte, stets wie aus dem Ei gepellt, in seinem Salon, und kein Farbklecks verunzierte das Parkett. Bei den meisten seiner Kollegen sah es anders aus: Alberto Giacomettis Atelier auf dem Montparnasse war von frugaler Unwohnlichkeit, und das Interieur von Bernard Buffets Schloss in der Provence glich einem Schlachtfeld. Picassos Villa "La Californie" bei Cannes wurde zwar aufgeräumt, wenn die Fotografen kamen, aber man sieht doch, dass sich der bürgerliche Komfort den Arbeitsgewohnheiten des Hausherrn unterzuordnen hatte.

Eine furiose Wohngemeinschaft

All dies ist dem Bildband von Jean-François Chaigneau zu entnehmen, dessen deutsche Übersetzung soeben erschienen ist. Fast alle Bilder entstammen der Zeitschrift "Paris Match", woraus zweierlei zu schließen ist. Erstens: Das fotografische Niveau ist hoch. Zweitens: Die meisten der Abgebildeten sind Franzosen oder Künstler, die in Frankreich lebten. Leider fehlen einige der sehenswertesten unter den Pariser Ateliers - das tiefrot ausgemalte Stadtpalais des misogynen Gustave Moreau oder das charmante Gartenhaus von Ary Scheffer, heute das Musée de la Vie Romantique. Alles, was vor 1949, dem Gründungsjahr von "Paris Match", passierte, wird bestenfalls mit wenigen Worten gestreift - wie etwa das "Bateau Lavoir" auf dem Montmartre, die folgenreichste Wohngemeinschaft der Kunstgeschichte: Picasso, Matisse, Georges Braque und Kees van Dongen, deren Karriere dort begann, waren schon alte Herren, als "Paris Match" sie porträtierte. Der nahezu bewegungsunfähige Matisse mimte mit einem langen Pinsel noch einmal das Handwerk, zu dem seine Kräfte nicht mehr ausreichten.

Jean-François Chaigneau interessiert sich in seinem Buch vor allem für Künstler, die eine eingängige Formel gefunden hatten, mit der sie viel Geld verdienten. Maurice Utrillo fabrizierte ganze Serien von Montmartre-Vistas. Selbst als er längst in den Villenvorort Le Vésinet umgezogen war, brauchte er sich nicht mehr an die Originalschauplätze zu bemühen: Er hatte die gutverkäuflichen Ansichten im Kopf. Van Dongen hatte als radikaler Fauvist begonnen. In den Zwanzigerjahren wandelte er sich zum gefragten Porträtisten der Pariser Schickeria: "Der Trick ist", gab er freimütig zu, "die Frauen zu verlängern und sie schlank aussehen zu lassen. Danach braucht man nur noch ihren Schmuck zu vergrößern, und sie sind glücklich." Ein Foto zeigt ihn in der Gesellschaft eines seiner berühmtesten Modelle - Brigitte Bardot.

Die ergiebigste Figur, geradezu das ideale Objekt des Illustriertenzeitalters, war Salvador Dalí. Wie kein zweiter verstand es der exzentrische Katalane, auf der Klaviatur eines sich fortschrittlich dünkenden Geniekults zu spielen. Journalisten konnten zuverlässig damit rechnen, mit zitatfähigen Provokationen versorgt zu werden. Etwa wenn sich Dalí für Hitlers weiches Fleisch begeisterte, das ihn in eine "milchige, wagnerische Ekstase" versetze, oder für Eisenbahnunglücke, "vorausgesetzt, die erste Klasse bleibt verschont".

Nicht ohne Grund verulkte André Breton seinen geschäftstüchtigen Ko-Surrealisten mit dem Anagramm "Avida Dollars". In seinen letzten Jahren ließ sich Dalí für Blanko-Signaturen bezahlen; die dazugehörigen "echten" Zeichnungen verfertigten danach andere. In einem Interview tut der 80-jährige Meister zunächst so, als wisse er von diesen Praktiken nichts: "Diese unglaubliche Sache, die da mit dem Werk Dalís passiert, all diese Plagiate, Fälschungen und Entstellungen, die es seit neuestem gibt und mit denen irgend jemand richtig viel Geld verdient, das muss man anprangern! Das muss mal gesagt werden! All die Sachen auf, ähm, diesem Papier..." "Auf Papier, das Sie vorab signiert haben", wirft sein Gesprächspartner ein. "Genau", antwortet er seelenruhig. "Man könnte das ,Warnung an die Sammler' nennen."

Auch Jean Cocteau verstand sich auf Selbstinszenierungen. Der Hans Dampf in allen Gassen, der sich auf sämtlichen Feldern der Kunst tummelte, begegnet uns in dekorativer Pose am Schreibtisch seines Landhauses in Milly-la-Forêt, das er zusammen mit dem Schauspieler Jean Marais gekauft hatte, im Pariser Nobelrestaurant "Le Grand Véfour" oder im grünen Frack der Académie Française, den er zur Freude der ihn besuchenden Bildreporter angelegt hat. Ein anderes Foto zeigt ihn mit seinem bildschönen Schützling am Meer. Davon, dass Marais ein kühl berechnender Opportunist war, der seinen verliebten Pygmalion nach Strich und Faden betrog und seine Nächte immer häufiger auswärts verbrachte, erfährt der Leser nichts.

Picasso, der Frauenheld

Ein Schnappschuss verewigt Cocteau in einem Augenblick, in dem er die Szene nicht beherrscht. Bei einem Stierkampf in Spanien sitzt er neben Picasso und dem Torero Dominguín mit einem Gesichtsausdruck, den man nur als den einer beleidigten Leberwurst bezeichnen kann. Was ist geschehen? Hat sich Picasso, der Cocteau gern den "Schweif meines Kometen" nannte, wieder einmal einen boshaften Scherz auf Kosten des Adabeis geleistet? Als ihn Cocteau bat, ein Motiv für den Knauf des Degens zu entwerfen, den er zu seinem grünen Frack zu tragen gedachte, zeichnete Picasso eine Klobürste. Übrigens: Von den sieben Hauptfrauen, die das Leben des spanischen Machos teilten, erscheinen in dem Bildband nur zwei.

Jean-Francois Chaigneau: Im Atelier. A.d. Franz. von Stefanie Kuballa-Cottone. Edition Olms, Zürich. 207 S., 49,95 Euro.