Konzert

Räkeln mit Madonna

Der Popstar zeigt in der O2 World eine geradezu rauschhafte Revue. Ein Auftritt, der auch einer Kampfansage an die Konkurrentinnen gleicht

Der erste Blick fällt auf eine geheimnisvolle Kathedrale. Im Zentrum ein gigantisches Kruzifix. Mönche in blutroten Kutten läuten die Glocke. Ein monströses Weihrauchfass schwingt benebelnd hin und her. Drei Priester in üppigen Gewändern fahren aus dem Bühnenboden und singen getragen "Ma-ha-don-na".

Es ist bereits Viertel nach Zehn. Madonna lässt ihre Fans ganz schön lange warten. Und ja, es gibt auch Buhrufe. Endlich erklingt aus dem Off eine Stimme: "O My God!" sagt Madonna. Immer wieder. Schließlich entsteigt die amtierende Königin des Pop einer Art Reliquienschrein und eröffnet in der O2-World zu wummernden Beats ihre neue Bühnenshow mit "Girl Gone Wild". Kirche, Erotik und Rollenspiele jeglicher Art sind Madonnas Themen. Genauso präsentiert sie sich auch in "MDNA", eine Anspielung übrigens auf die Partyydroge MDMA.

Scharenweise wollten Madonna-Fans ihre Konzertkarten auf e-bay und andernorts loswerden, nachdem klar war, dass dieser Donnerstag ein Fußball-Pflichttermin ist. Trotzdem ist die Halle mit 13.100 Besuchern prall gefüllt. Während der Rest der Nation nun draußen die zweite Halbzeit des EM-Spiels Deutschand-Italien verfolgt, schreitet Madonna ganz in Schwarz, drahtig, durchtrainiert und kontrolliert bis in die Stiefelspitzen das weite Spielfeld ab, das fortan zu ihrem ganz persönlichen Dancefloor wird. Die Mönche haben sich längst ihrer Kutten entledigt und stellen ihren Waschbrettbauch in wilder Choreographie zur Schau.

Was hier für die nächsten gut zwei Stunden über Berlin hereinbricht, ist eine rauschhafte Revue, bei der Madonna nicht in alten Erfolgen badet, sondern einmal mehr als Entertainerin auf der Höhe der Zeit verstanden werden will. Wohl deshalb prägen gleich acht Stücke vom neuen, gar nicht mal so gelungenen Album "MDNA" die Show. Seit 30 Jahren steht sie im Rampenlicht. Sie hat seit ihrem ersten Hit "Like A Virgin" von 1984 immer schneller als andere die Trends der Zeit geschäftstüchtig für sich umgemünzt. Nur hat Popmusik auch etwas hemmungslos juveniles. Längst steht eine neue Generation in den Startlöchern. Und macht der Queen of Pop plötzlich den Anspruch auf den Thron streitig. Den aber verteidigt die 53-jährige Vollblut-Entertainerin eisenhart mit einem aufwendigen Bühnenspektakel von rätselhafter Wucht.

Die Bühne formt ein Dreieck Richtung Publikum, eingefasst von zwei Laufstegen. Im Inneren ist Platz für Fans, die ihrem Idol ganz nah sein wollen. Zwei Leinwände tragen das Live-Geschehen bis in die letzte Reihe. Eine gigantische zentrale Bildwand illustriert die Songs. Der in Quader aufgeteilte Bühnenboden lässt sich imposant in die Höhe und in die Tiefe fahren. Sieben Musiker, dazu reichlich Elektronik und Konserven, besorgen den pumpenden und lautstarken Party-Sound.

Mit Pistole und Sturmgewehr

"MDNA", Madonnas bislang neunte Tournee-Inszenierung, ist recht düster und morbid ausgefallen. Zumindest in der ersten halben Stunde. Gleich beim zweiten Stück "Revolver" fuchtelt und ballert das "bad gir"" mit einer Kalaschnikow um sich, leckt am Lauf einer Pistole, reibt das AK-47-Sturmgewehr zwischen ihren Beinen. Ein bisschen pubertär wirkt das schon. Bei "Gang Bang" im Anschluss hastet sie über das Bett in einer billigen Motel-Kulisse, wird von maskierten Kerlen angegriffen, die sie breitbeinig gnadenlos niederstreckt. "Bang bang, shot you dead, shot my lover in the head" singt sie. Dabei werden bei jedem Treffer flächendeckend Blutspritzer auf die Rückwand geklatscht.

Das Ganze wirkt wie ein von Tarantino inspirierter Guy-Ritchie-Gangsterfilm. Falls Madonna mit Songs wie diesen die Trennung von Ex-Ehemann Ritchie verarbeiten sollte, möchte man nicht in dessen Haut stecken. Aber vielleicht ist das Ganze auch als Warnung an bissige Konkurrentinnen wie Lady Gaga zu verstehen, wenn sie Zeilen wie "Now if you're gonna act like a bitch, then you're gonna die like a bitch" faucht. Man weiß es nicht.

"Papa Don't Preach" wird nur angedeutet um in "Hung Up" vom "Confessions on a Dancefloor"-Album (2005) überzugehen. Mehr als 20 Tänzer und Tänzerinnen umschwärmen die Pop-Diva, darunter auch Madonnas Lebensgefährte Brahim Zaibat. Für "I Don't Give A *", das wieder nach Abrechnung klingt, hängt sie sich eine Gitarre um, singt auf einem Podest mitten im Publikum, lässt Jungkollegin Nicki Minaj auf der Leinwand rappen und wird am Ende auf einem Altar geopfert.

Szenenwechsel. Garderobewechsel. Durchatmen. Was die gestandene Frau geritten hat, sich für den zweiten Showblock in ein unvorteilhaftes Cheerleader-Kostümchen zu zwängen, weiß nur sie allein. Zu "Give Me All Your Luvin'" wird ein zutiefst amerikanischer Stadion-Rummel zelebriert. Cheerleader hüpfen Pompoms wedelnd über die Laufstege, eine uniformierte Trommlerband marschiert heftig klöppelnd übers Areal und hebt ab. Es ist ein herrliches Durcheinander im Teenagerland, bei dem Madonna Louise Veronica Ciccone ganz in ihrem Element ist. Pures Entertainment, purer Spaß. Das, so scheint es, ist die Madonna, die das Publikum sehen will. Obwohl ihm viele Hits vorenthalten werden. "Holiday", "Into The Groove" oder "Music" werden nur kurz per Video angespielt, als Einstimmung auf "Turn Up The Radio".

Mit "Vogue" kommt die Show weiter auf Touren und die laszive Madonna zum Zug. Sie zitiert die legendären Broadway-Ziegfeld-Follies mit Tänzern in glamourösen Kostümen. Sie trägt zum Hosenanzug ein Korsett-Etwas von Jean-Paul Gaultier. Der Star entblättert sich. Die Szene wechselt in ein umtriebiges Luxus-Bordell und mündet in einen der größten und zugleich stillsten Momente des Abends. Madonna, ganz allein auf dem Laufsteg, singt nur begleitet von einem Piano "Like A Virgin". Als Walzer-Ballade.

Perfektionistin bei der Arbeit

Und wieder eine Videopause zu "Nobody Knows Me", mit Slackliners, die mehrfach an diesem Abend waghalsige Tänze auf Seilen vorführen. "I'm Addicted" wird zum Kung-Fu-Ballett, mit "I'm A Sinner" werden die Sixties beschworen und "Like A Prayer" prunkt mit einem üppigen Gospelchor. Der Aufwand ist enorm. Playback hält sich in Grenzen. Madonna singt über weite Strecken trotz ständiger Bewegung live. Sie ist gut bei Stimme. Eine Perfektionistin bei der Arbeit.

Dass mitunter ein leichter Hauch von Peinlichkeit durch die Showszenerie weht, fällt bei diesem extravaganten, mit Reizen um sich werfenden Superlativ von einer Show kaum auf. Und weil hier letztlich doch das Leben und die Liebe zelebriert werden, geht dieses Schlachtschiff von einer Pop-Inszenierung mit "Celebration" in ein quietschbunt fröhliches Finale. Keine Nachspielzeit.