Kultur

"Bin ich vielleicht auch ein Kunstwerk?"

Linken-Politiker Guido Brendgens ist der erste Stipendiat beim Starkünstler Olafur Eliasson. Ein Vorlesungsbesuch

"Sie müssen sich links halten, dann passieren sie das ,Institut für Imaginäre Inseln' und dann kommen sie zu einem verbeulten Mercedes, der steht da so im Gras - das ist auch Kunst." Guido Brendgens muss lachen, als er am Telefon den Weg zu seinem derzeitigen Arbeitsplatz erklärt. Die Situation scheint ihm doch etwas absurd. Wo ist der Referent für Stadtentwicklung, Bauen, Wohnen und Umwelt hier gelandet?

Etwas hilflos steht er auf der unendlichen Wiese des Tempelhofer Geländes, wo kürzlich die große Weltausstellung des HAU Theaters stattfand. In 15 Pavillons wird Kunst diskutiert, gezeigt und gelebt. Junge Menschen in grünen Socken, mit Hornbrillen und überlangen Bärten haben sich im temporären "Institut für Raumexperimente" niedergelassen, einer Art Wellblechhütte - hier wird unter Olafur Eliasson drei Wochen lang analysiert und experimentiert. Und Guido Brendgens ist nicht etwa als Gastdozent hier, nein, auch er nimmt auf den unbequemen Holzbänken platz und - studiert.

Der dänische Lichtkünstler Eliasson hatte ein etwas ungewöhnliches Stipendium ausgeschrieben: Ausschließlich Politiker oder Mitarbeiter des Abgeordnetenhauses durften sich für ein sechsmonatiges Kunststudium bewerben. Ziel der Aktion ist ein verbesserter Dialog zwischen Politik und Kunst. "Politik ist die Kunst des Möglichen, Kunst ist die Politik des Unmöglichen.", so Eliassons Leitspruch. Nun lastet die Hoffnung des Idealisten auf den 39-jährigen Schultern des Guido Brendgens, er hat souverän alle Konkurrenten ausgestochen. Wie er sich durchgesetzt hat? "Ich glaube, ich hatte einfach am meisten Zeit.", sagt er grinsend. Der frischgebackene Vater wird teilweise seine Elternzeit dem Studium widmen. Das hat er nun davon: Guido im Wunderland.

"Bin ich vielleicht auch ein Kunstwerk?" fragt sich Brendgens, es scheint ihm etwas unheimlich, solch abstrakte Fragen in den künstlerischen Raum zu stellen. Der Referent der Linken bringt sich ein wie ein tüchtiger Pfadfinder; einer der plötzlich die Welt mit neuen Augen sehen kann. Er wirkt ernsthaft interessiert, dankbar auch für die Exkursion in diese Traumwelt, schreibt während der Vorlesung eifrig mit, während die Kommilitonen rauchen, gähnen, wieder andere alle fünf Minuten den Platz wechseln.

Gerade halten "Something Fantastic" - ein aufstrebendes Architektur-Duo eine Vorlesung. Von Kopf bis Fuß in der Farbe der Stunde gekleidet - weiß - stehen sie vor den Studierenden; Brendgens trägt schwarz. "Something Fantastic" lehnen locker an den Holzbänken und referieren über ihre Ideen die Favelas in Rio de Janeiro "upzugraden" - bislang alles blanke Theorie. Brendgens sitzt kerzengerade da und stellt schließlich als Einziger eine Frage: "Wie könnte man denn eure Ideen in Berlin nutzen?" Stille. Die Künstler schauen sich an - mit einer solchen Frage hatten sie nicht gerechnet. Brendgens fragt auch nicht mehr nach. Er hat gemerkt, dass Konkretes weniger gefragt ist, als der künstlerische Prozess. Er hat gemerkt, dass er hier an einem geistigen Austausch teilnimmt und nicht im Ausschuss des Abgeordnetenhauses sitzt, wo mit Fakten um sich geworfen wird. Ein kurzer Moment der Frustration, symbolisch für das ganze Projekt; hier treffen zwei Welten aufeinander. Die Studierenden erlebt er teilweise etwas verrückt. "Gestern hat sich einer ein Fell umgebunden und einen Hund imitiert."

Was wird er verändern, wie kann die Wechselwirkung zwischen Kunst und Politik verbessert werden? Also der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Möglich - solange Brendgens mit Begriffen wie "Atelierpolitik" und "Kreativwirtschaft" sparsam umgeht, das kommt bei Grün-Socken-Trägern nicht ganz so gut.