Don Giovanni

Vater überrascht Tochter bei Liebesakt im Wald

Mozarts "Don Giovanni" einmal anders: Klaus Guths Inszenierung am Schiller-Theater triumphiert mit guten Sängern

Donnerwetter! Geradezu auf den letzten Drücker der Opernsaison strahlt ihr Höhepunkt auf: der "Don Giovanni" Mozarts in der Staatsoper, die wohl noch für eine kleine Ewigkeit ins Schiller-Theater unterkriechen muss. Aber gleich, wenn Daniel Barenboim über dem auf flachem Boden aufgebauten Orchester den Taktstock zum ersten gewaltigen Musikschlag erhebt, meint man geradezu, die Türen zu einer Neudeutung des unsterblichen Werkes aufspringen und sich geschlagene dreieinhalb Stunden lang nicht mehr schließen zu hören.

Handlung in den Wald verlegt

Wenngleich erst nach der Pause Maria Bengtsson, die Einspringerin für Anna Netrebko, und Dorothea Röschmann als Elvira aus ihrer kultivierten Zögerlichkeit hervortreten und ihre großen Arien mit voll gestaltender und beglückender Kraft singen. Erst jetzt, wenn es an Giovannis Sterben geht, zeigt auch Alexander Tsymbalyuk als Komtur seinen tief strahlenden Bass in Vollkommenheit vor. Die Aufführung mündet in Großartigkeit und erringt sich endlosen Jubel.

Dabei hatte sie eher bestürzend begonnen: Regisseur Claus Guth entschloss sich, die Handlung des Werkes in einen mächtigen Wald zu verlegen - heraus aus den Stuben und Palazzi, sozusagen auf die freie Wildbahn der Gefühle, die sich dort unbehindert und unbeobachtet austoben können. Dabei ist der offenkundig unbremsbare Giovanni längst dem Tode geweiht. Er torkelt geradezu von einer Umarmung zur nächsten, so lange bis ihm die Beine versagen, nicht etwa die Potenz. Gleich am Anfang, wenn er den Komtur, der ihn mit der Tochter beim Liebesakt mitten im Wald überrascht, totschlägt, empfängt er von dem Sterbenden aus der Pistole den Gnadenschuss, dem Giovanni am Ende zum Opfer fällt.

Der Geist seines Mörders gräbt ihm schließlich das Grab, in das er wie ein gefällter Baum derart hinein stürzt, dass es allen anderen die Sprache verschlägt. Den gemütlichen Schluss-Singsang des Ensembles hat Guth kurzerhand gestrichen. Christian Schmidt hat das aufwendige, auf der Drehbühne immer wieder rotierende Waldbühnenbild gebaut. Man kann sich nicht satt an ihm sehen, so spektakulär ist es ausgefallen. Natürlich kommen einem Bedenken gegen das unaufhörliche Waldweben. Man bringt ja leicht einer Geliebten vor ihrem Wohnhaus ein Ständchen, aber doch nicht irgendeinem x-beliebigen Baumstamm im Wald.

Erwin Schrott als Helfershelfer

Was hingegen zählt, ist die sängerische Vollendung. selbst wenn sie mitunter einige Zeit auf sich warten lässt. Christopher Maltman singt mit elegant verlockender Kraft die Titelpartie. Er sieht gut und durchaus verführerisch aus, wie es sich für einen Don Giovanni gehört. Sein Beistand ist der Leporello von Erwin Schrott, ein williger Helfershelfer mit ein wenig professionellem Gemurr über die unaufhörlichen Anforderungen, aber von Grund auf ein heiteres Naturell. Er singt sich den Leporello zu einer Paraderolle herauf. Mit seiner letzten Arie nimmt auch Giuseppe Filianoti rückhaltlos gefangen. Anfangs hatte sein sanfter Tenor in der Höhe gelegentlich Schwächen aufklingen lassen. Es schien beinahe, als hätten ihn die wachsenden Leistungen seiner Partnerinnen Maria Bengtsson und Dorothea Röschmann derart herausgefordert, dass er sich ihnen glänzend anzuschließen begann. Frau Röschmann gehört ja seit langen, viel gefeierten Jahren der Staatsoper an, bevor sie ein Gaststar der New Yorker Metropolitan wurde. Wie das gelingen konnte, machte sie an diesem Berliner Premierenabend deutlich. Maria Bengtsson hat einige vokale Schüchternheiten zu überwinden, schließlich sitzt ihr Respekt einflössend das Bild der Netrebko im Nacken. Es singt sich nicht gut gegen ein Weltwunder wie die Mona Lisa an, selbst wenn diese schweigt. Frau Bengtsson hatte sich also erst frei zu singen - am Ende stand für die Aufführung ein Triumph.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Alles ausverkauft, aber am 30.6. erfolgt eine Live-Übertragung auf den Bebelplatz