Spider-Man

Fitnessprogramm für den Superhelden

Der schlaksige Andrew Garfield schlüpft erstmals ins Kostüm von Spider-Man. Viel Humor hat er

Er ist unsichtbar. Ein bisschen geht es Andrew Garfield selbst wie Spider-Man, den er in der Neuauflage der Blockbusterreihe spielt, die am kommenden Donnerstag als "The Amazing Spider-Man" im Kino startet. Bevor der Jugendliche Peter Parker von einer genetisch veränderten Spinne gebissen zum Superhelden mutiert, wird er in seiner Schule kaum wahrgenommen und von größeren Typen gehänselt und verhauen. Klassische Helden sehen anders aus. Auch dem inzwischen 30-jährigen, erheblich jünger wirkenden Garfield hat im Vorfeld kaum jemand zugetraut das Spinnenmannkostüm auszufüllen. Und das nicht nur, weil der Brite sehr viel schlaksiger ist als sein Vorgänger Toby Maguire. Es kannte ihn schlicht kaum jemand, als 2010 nach drei weltweit spektakulär erfolgreichen Kinohits weder dessen Stars Toby Maguire und Kirsten Dunst noch Regisseur Sam Raimi Lust auf einen vierten Teil hatten und die Produzenten plötzlich einen Nobody aus dem Hut zauberten. Bis dato hatte Andrew Garfield ein paar Nebenrollen gespielt, in Robert Redfords "Von Löwen und Lämmern" und Terry Gilliams "Das Kabinett des Dr. Parnassus" etwa, war aber neben Megastars wie Tom Cruise oder dem inzwischen verstorbenen Heath Ledger nicht weiter aufgefallen. Und so ganz ohne rotblaues Ganzkörperspandexkostüm erkennt auch bei unserem Treffen in einer Hotellobby keiner den jungen Mann in Jeans uns Lederjacke. Im Gespräch witzelt er über sein Fitnessprogramm: "Es ist nah an einer existenziellen Krise, wenn ich diese Hanteln immer und immer wieder stemme. Warum tue ich das bloß? Es ist eine sehr merkwürdige Art, 90 Minuten rumzukriegen." Offensichtlich hat der in Los Angeles geborene und in England aufgewachsene Garfield einen unverkennbar britischen Akzent und Humor.

Plötzlich ein Posterboy

Dabei hatte er bereits vor vier Jahren als Hauptdarsteller im britischen Independentdrama "Boy A" bewiesen, dass er die perfekte Besetzung für ambivalente Jugendliche ist. Als der Film im Panorama der Berlinale 2008 Premiere feierte, nahm freilich kaum jemand Notiz von diesem vielversprechenden Talent. Und jetzt ist er plötzlich der Posterboy des Sommers, von den Jungs bewundert, von den Mädchen begehrt. Aber, und das ist eine der Überraschungen dieses Blockbusters, der so sehr nach Remake und schlichter Geldmacherei roch: Andrew Garfield ist sogar noch besser als Toby Maguire, vielschichtiger. Der Film erzählt die Kindheit Peter Parkers, wie er durch das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern früh zum Waisen wurde und bei Onkel und Tante aufwuchs (hochkarätige Nebendarsteller: Martin Sheen und Sally Field) und erweist sich vor allem in der ersten Hälfte als perfekte Melange aus Hollywoodblockbuster und psychologischem Drama.

Spektakel mit Psychologie

Dieser Eindruck einer ungewöhnlichen Gratwanderung liegt natürlich am Darsteller, aber auch an der Wahl des Regisseurs. Marc Webb hatte zuvor lediglich einen kleinen, unabhängig produzierten Liebesfilm namens "(500) Days of Summer" gedreht, der echt und nah am Leben seiner Protagonisten und Zuschauer zugleich wirkte. Und auch bei "Spider-Man" gelingt es ihm, dem Spektakel- und Überwältigungskino mit recht unauffälligen 3D-Effekten und mit ungewöhnlich dreidimensionalen Charakteren etwas entgegenzusetzen, was man bisher in dieser Art von Filmen nicht erwartete. Das Überwältigungskino ist intakt, aber Webb erweitert es mit einer psychologischen Ebene und einer weitaus glaubwürdigeren Frauenfigur als in den ersten drei Filmen. Emma Stone ist als Gwen sehr viel aktiver und gleichberechtigter als Kirsten Dunst. Webb verwandelt "Spider-Man" in diese Art von smartem Actionkino, wie wir es von "Batman" kennen.

Hauptdarsteller Garfield ist seit seinem dritten Lebensjahr Spider-Man-Fan, der Spinnenmann ist der Held seiner Kindheit, es gibt sogar ein Foto von ihm als kleiner Knirps im Spider-Man-Kostüm. "Mein Vater hat mir das Foto geschickt und ich habe es nur aus Spaß meinem Agenten gezeigt und der hat es gleich den Produzenten gegeben. Auf dem Foto bin ich drei Jahre alt, Spider-Man war mein erstes Halloweenkostüm. Damit haben wir diese Anzugtypen komplett rumgekriegt. 'Aaaah, wie süß! Wir müssen ihm die Rolle geben.'"

Trotzdem war es eine Herausforderung, in die Fußstapfen seines Vorgängers Toby Maguire zu treten. "Toby hat mich sogar ermuntert, die Rolle zu übernehmen. Er war toll als Spider-Man und es ist natürlich schwierig, ihm zu folgen, aber ich spüre mehr Druck, dem Spider-Man-Erfinder Stan Lee und seinen Vorstellungen gerecht zu werden." Ihm ist aber auch klar, dass er damit nicht jedem gefallen wird. "In meiner narzisstischen Idealwelt wäre das natürlich so, aber so läuft es nicht. Ich bin nicht das Zentrum des Universums und nicht jeder wird den Film mögen. Ich hoffe, er gefällt jemandem. Meiner Mutter zumindest." Da stellt sich die Frage: Sind denn schüchterne Typen attraktiver? "Jaaaa!", ruft Garfield ohne lange zu überlegen. "Die Vorstellung wie ein Mann oder eine Frau zu sein haben, ändert sich gerade. Und ich finde diese Entwicklung toll. Ich finde, Frauen sollten die Welt regieren. Männer sind Idioten, mich eingeschlossen."

Ist das alles nur ein Spiel oder sind schüchterne Typen tatsächlich attraktiver? "Jaaaa!", ruft er mit einem Schmunzeln. Und ergänzt: "Die Vorstellung wie ein Mann oder eine Frau zu sein haben, ändert sich gerade. Und ich finde diese Entwicklung toll. Ich glaube, Frauen sollten die Welt regieren. Männer sind Idioten, mich eingeschlossen." Bleibt die Frage, wie aus einem recht unauffälligen Schlaks der größte Superheld des Kinosommers wird. Aber das bleibt Hollywoods ewiges Geheimnis Hollywoods.