Berliner Ensemble

Bitterböse Geschichten aus dem Wienerwald

Enrico Lübbe zeigt Horvaths Stück am Berliner Ensemble

Man möchte ja eigentlich gar nicht gern tot sein. Nicht mal gern halbtot. Wenn man nämlich halbtot ist, so steht es in Ödön von Horvaths bösem und ziemlich bös aktuellem Stück "Geschichten aus dem Wiener Wald", fliegt die halbe Seele gen Himmel, und dann hört man Sphärenmusik. Die muss man sich wohl als einen Synthiebrei vorstellen mit eingesprengten traurigen, abwärtstappenden Klavierakkorden, wie er in schlechten Sozialtragödien im Kino handelsüblich geworden ist. Und manchmal auch auf dem Theater. Wo er dann halbtote Inszenierungen untermalt, die nicht genug Seele und Tragik haben, um gen Himmel zu aufzufahren. Inszenierungen wie jetzt am Berliner Ensemble Enrico Lübbes Version von Horvaths Volksstück in drei Teilen.

Kein Baum, kein Strauch, keine Donau, kein Wien. Eine hölzerne Buckelpiste hat Harald Greter ins Schwarz der Bühne gebaut, leer, abschüssig nach vorn. Klar, abschüssig - so ist das Leben. Für Marianne, die Tochter des Zauberkönigs, der Spielzeug verkauft in Wiens achtem Bezirk, die fehlliebt am Tag ihrer Verlobung mit Oskar, dem Schlachter vom Laden nebenan, die ein Kind bekommt vom geliebten Hallodri Alfred, Nackttänzerin wird und das Kind verliert, weil Alfreds liebe Großmutter es umbringt. Die nicht mehr kann am Ende. Menschen stehen auf der Buckelpiste. Sie stehen da und umstellen sich mit Sätzen - Lübbes Inszenierung ist eine konzertante Aufführung ohne Orchester. Es sind Sätze, die vor Falschheit glühen könnten. Frontal zum Publikum tun sie das, sehen sich nicht an. Das soll so sein bei Horvath. Weil sie nämlich nicht mehr in der Lage sind, authentisch zu sprechen. Weil die Krise und die kapitalistische Bürgerwelt sie deformiert, innerlich abgetötet haben. Weil sie entsetzlich dumm sind und rührselig und kitschig.

Ein unterkühltes Nummerndrama

Man kann das machen. Man kann auch den Walzer weglassen, die Zither, die Schrammeln, den Heurigen. Man kann die "Geschichten" abwienern. Und wenn man sich schon nicht traut, das Stück in unseren Tagen spielen zu lassen, kann man es sogar wie Lübbe reichlich diffus in die Endfünfziger verlegen. Aber irgendwas müsste doch an die Stelle all dessen treten. Irgendwas, das Brüche sichtbar machen, das Unheimliche, die Abgründe zwischen den Sätzen und in den Figuren aufreißen könnte und nicht nur behaupten. Das Stück bröselt vor sich hin, erodiert zu einem Nummerndrama, das einen kalt lässt. Man möchte immer nur da sein, wenn auch Angela Winkler da ist, die Alfreds angejahrter Dauergeliebter Valerie einen herrlichen, versoffenen Irrsinn gibt, oder Gudrun Ritter, dieser kleine, gebeugte, giftundgallespeiende Teufel in Lieber-Großmutter-Gestalt. Der Rest ist Behauptung. So richtig geht's einen nicht an, was mit Marianne (Johanna Griebel) passiert, die - wie übrigens beinahe alle anderen - zu lieb ist und zu nett ihre Sätze sagt. Alfred (Sabin Tambrea), kein Herz in der Brust und die Hände in den Hosentaschen, ist einem wurscht und der merkwürdig schicke Oskar (Boris Jacoby) und der aufstiegsselige Vater (Roman Kaminski). Karikaturen allesamt, Stilisierungen, Oberflächenphänomene. Und die Sphärenmusi spielt dazu.