Erwin Schrott

"Opernsänger sind Marathonläufer"

Heute im Schiller-Theater: Erwin Schrott singt, während seine Frau Anna Netrebko das Kind hütet

Eine goldene Wendeltreppe. Ein leerer Saal wie von Gianni Versace nach den Wünschen des Sonnenkönigs Louis XIV hergerichtet. Ein Bankett-Dinner? Eine Opernpremiere? Plötzlich Schritte. Nicht doch - blaue Freizeitschuhe auf den güldenen Stufen? Die Gestalt hält kurz Inne. Ein beeindruckend tiefes "Very nice to meet you" hallt von der Treppe aus in den leeren Raum. Welch ein Auftritt; man möchte applaudieren. Was für ein Mann! Erwin Schrott lädt zum Tee und nimmt die 200qm große Hotel-Lobby ein, als wäre es sein Vorzimmer. Wie kann es sein, dass dieses Prachtexemplar von einem Mann einen solchen Namen trägt? Was ist da schief gelaufen? Erwin Schrott? Erwin Platin sollte er heißen.

Sänger mit deutschen Wurzeln

Der Opernstar mit den deutschen Wurzeln erweist sich an diesem Tag als perfekter Gentleman; setzt sich erst, nachdem die Dame Platz genommen hat, schenkt Tee ein und bleibt stets diplomatisch und beängstigend perfekt. Kochen könne er auch noch, sagt er stolz. Er strahlt Sicherheit, Zufriedenheit und Herzlichkeit aus - sitzt man ihm gegenüber kann man plötzlich verstehen, warum die einzige echte Operndiva unserer Zeit Anna Netrebko, den Bassbariton aus Uruguay als Lebenspartner auserkoren hat.

Wie es sich anfühlt, mit einem Weltstar verheiratet zu sein? Angst, die Nummer zwei zu sein, hat Schrott jedenfalls nicht. "Die meisten Männer sehen die erfolgreiche Karriere ihrer Frau als Handicap, ich sehe es als Vorzug." Mit Anna Netrebko hat Schrott einen 3-jährigen Sohn. "Tiago singt bereits und hat eine sehr laute Stimme.", sagt der Bariton lachend. Beste Vorrausetzungen für einen Einstieg ins Musikgeschäft, also? "Mein Sohn darf alles tun, was ihn glücklich macht, so lange es legal ist.", sagt er gelassen. Seiner eigenen Mutter ist Schrott mittlerweile dankbar für einen kleinen Schubs: "Ich musste mit sechs zum Klavierunterricht, das war mir alles andere als recht. Aber wenn ich heute ein Blatt Papier zur Hand nehme, die Noten sehe und sie sofort zu Musik in meinen Ohren werden - rufe ich meine Mutter an und bedanke mich."

Schrotts eigene kleine Familie ist mit ihm gereist und verweilt in Berlin, wo Schrott in den letzten Proben für "Don Giovanni" steckt. Heute ist die Premiere im Schiller-Theater. Er singt den Leporello. "Ich halte Daniel Barenboim für ein Genie. Die Proben sind sehr intensiv und ich lerne noch immer sehr viel.", sagt er.

Es ist sein Debüt in Berlin. Schwer vorstellbar, dass seine Primadonna Netrebko dann applaudierend in der Loge sitzt. Schließlich hatte sie, unter Empörung vieler Opernliebhaber, ihr Engagement in Berlin als "Donna Anna" abgesagt. Zeit für Sohn Tiago sei angesagt - interessanterweise braucht sie die nicht, wenn sie im August Salzburg und kurz darauf die New Yorker "Met" beehrt. Liegt es also an Berlin? Kann die deutsche Hauptstadt nicht mit anderen Opernmetropolen konkurrieren? "Es geht nicht um Konkurrenz; so lange man ein offenes Publikum hat, das zuhören will, ist es egal in welcher Stadt man ist", nimmt Schrott seine Lebensgefährtin in Schutz. Er wisse nicht einmal, ob sie die Performance in Berlin jemals bestätigt habe, sagt er in vollem Ernst. An den Namen der neuen "Donna Anna" könne er sich auch nicht erinnern, ein schwedischer Name, den er nur sehr, sehr schwer aussprechen könne. Gemeint ist die Sopranistin Maria Bengtsson.

Schrott und Netrebko sind offiziell nicht verheiratet, Gerüchte um eine heimliche Hochzeit halten sich dennoch hartnäckig. Er nennt seine Donna Anna während des gesamten Gesprächs "my wife"; heiraten wolle er aber nicht noch einmal. 2008 wurde Schrott nach 12 Ehejahren von seiner ersten Frau geschieden, aus der Ehe ging eine Tochter hervor. "Es geht um die Sicherheit, die dir dein Partner gibt und umgekehrt. Wir müssen keine Märchenhochzeit feiern, wir brauchen das beide nicht. Aber Anna ist meine Frau."

Familienplanung für Opernprofis

Und wenn diese sich nun schon so auf die Familie konzentriert, könnte man doch auch gleich noch ein weiteres Baby planen? "Diese Entscheidung liegt nicht bei mir, die Frau trägt schließlich das Kind in ihrem Bauch. So etwas ist ein Balanceakt bei zwei professionellen Karrieren, aber ich denke, wir sind offen." Jedenfalls spielen sehr viele Kinder mittlerweile eine große Rolle in Annas und Erwins Leben. Das Paar hat kürzlich die Kinderstiftung "Anna & Erwin 4 Kids" gegründet. Vier verschiedene Projekte unterstützen sie. "Ich habe oft Benefizkonzerte gegeben und fühlte mich danach leer, weil ich nicht genau wusste, was nun mit dem Geld geschieht." Nun hat Schrott die volle Kontrolle und arbeitet ausschließlich mit Freunden zusammen. "Die wichtigsten Fragen bei wohltätiger Arbeit sind: Wann? Für Wen? Und Wie." Der Sänger lehnt sich nachdenklich auf dem violetten Samt-Sofa zurück und richtet den Blick an die goldverzierte Decke. "Ich habe zu lange nur an mich selbst gedacht - meine Karriere, meine Familie, meine Probleme. Im Leben geht es darum in eine Harmonie mit dem Universum zu kommen, zu viel Ego destabilisiert deine Welt. Wir Menschen haben irgendwann vergessen, dass wir eine Gemeinschaft sind - wie die Ameisen. Und man darf die Augen nicht verschließen, denn die Probleme weit weg in Afrika werden früher oder später deine eigenen sein."

Wie macht er das nur - das viele Reisen, die Familie, die Stiftung, die Proben und soeben hat er auch noch seine neue Platte "Arias" aufgenommen. "Wir Sänger sind wie Marathonläufer, wir haben eine gute Kondition." Und außerdem treibe ihn stets die Liebe zur Musik an. Mag er denn auch Pop-Musik? "Ich mag einfach Musik; so lange sie gut ist, gibt es keine Grenzen. Ich bin ein großer Rock'n'Roll-Fan - vor allem Led Zeppelin liebe ich.", sagt er und blinzelt zufrieden.

Aber am meisten Bedeutung findet er noch immer in Mozart. Bei jedem Hören gäbe es neue Details zu erkunden. "In jeder neuen Lebenssituation hört man andere Dinge in Mozarts Musik. Es ist ein nie endender Prozess. Ich würde alles geben um Wolfgang Amadeus Mozart oder seinen Geist zu treffen." Und was würde er den Meister fragen? "Absolut nichts. Ich würde meinen Mund halten und einfach nur zuhören."