Kunstsache

Manchmal steht drauf, was drin ist

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Nachdem nun auch die Ex-Militärdiktatur Birma den Verkauf von Coca-Cola erlaubt hat, gibt es nur noch zwei Länder, in denen die braune Brause verboten ist: Kuba und Nordkorea. Ich bin zwar im freien Westen aufgewachsen bin, aber habe hin und wieder doch den kalten Atem des Kommunismus gespürt. Bei uns Zuhause gab es nämlich nie Coca-Cola, sondern immer nur die Ersatzvariante einer deutschen Discounter-Kette. Meine Eltern wollten mir zeigen, dass es nicht auf die Verpackung ankommt. Dabei ist für ein Kind gerade die Verpackung interessant. Wirklich erstaunlich, wie sehr Marken unser Leben bestimmen. Dieser Gedanke muss auch Hugh Scott-Douglas & Ben Schumacher gekommen sein, denn in ihrer Ausstellung bei Croy Nielsen haben die Künstler eine Art Forschungslabor für Logo-Kunde eingerichtet. Zentrales Ausstellungsstück ist ein Tresen, neben dem sie Cherry-Cola-Flaschen verschiedener Hersteller platziert haben. Es gibt dazu einen Text, wie sich die Künstler-Tester durch das Kirschcola-Universum trinken. An der Decke des Raumes ist zudem ein Kleiderständer befestigt. Ein Regenmantel hängt daran, "Yves Saint Laurent" steht auf dem Etikett. Ich fragte mich, ob das etwas zu bedeuten hat. Und dachte dann: Vermutlich nicht. Vielleicht hatten meine Eltern also doch Recht. (Bis 7. Juli, Weydinger Straße 10, Mitte)

Nicht nur Limonade ist in den letzten 70 Jahren verstärkt in die Welt exportiert worden, sondern auch moderne Architektur. Das zeigt die Ausstellung in der benachbarten Galerie Nature Morte. Der französische Architekt Le Corbusier baute in den Fünfzigern eine ganze Stadt in Indien: Chandigarh, die Hauptstadt des Punjab. Die pakistanische Künstlerin Seher Shah transferiert nun diesen Kulturtransfer weiter: Le Corbusiers Gebäude bieten ihr Anlass für große Graphitzeichnungen, in denen sie das strenge Raster der Hochhäuser mit Elementen wie Wimpeln, Splittern und Wolken sprengt. Bei Shah scheinen die modernistischen Betonarchitekturen einem ganz eigenen Wirbelwind der Verwandlung ausgesetzt. Es sind tolle Bilder - die nur manchmal ein wenig zu sehr an die Werke der erfolgreicheren amerikanischen Malerin Julie Mehretu erinnern. (Bis 28. Juli, Weydinger Straße 6, Mitte)

Ein kurzer Spaziergang führte mich von Nature Morte zu einer echten Entdeckung in der PSM Gallery. Nathan Peter, ein in Berlin lebende Amerikaner, schafft barock anmutende Stillleben von Blumensträußen und toten Vögeln, indem er dicke Schichten von Bitumen auf die Leinwand aufträgt. Die hellen Stellen werden wieder mit Terpentin abgelöst, manchmal muss er die Farbe auch abschleifen. Bei diesem Abtragungsprozess kann es zu Beschädigungen kommen. Das brachte Peter wiederum auf die Idee, die Verletzlichkeit des Bildes zum Thema zu machen. In einem schönen Werk hat er die Oberfläche mit dem Schleifgerät bearbeitet. Jetzt zeigt das Bild ein virtuoses Muster halbkreisförmiger Schleifscheibenspuren, versetzt mit Brandstellen und Löchern. Der größte Knaller ist aber wohl das Flaggen-Gemälde aus silbernen und schwarzen Streifen. Es ist an der Decke befestigt, und seine Oberfläche wurde zu drei Vierteln vom Künstler aufgeribbelt, so dass nur lange graue Fäden zu Boden hängen. Der 1978 geborene Peter ist offensichtlich furchtlos im Umgang mit dem eigenen Medium. Genau deshalb könnte aus ihm bald schon ein ganz Großer werden. Das die Preise lange bei 1200 bis 9000 Euro verweilen werden, wage ich jedenfalls zu bezweifeln. (Bis 21. Juli, Straßburger Straße 6-8, Prenzlauer Berg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien