Gemäldegalerie

Der Umzug der Surrealisten

Chance für die Zukunft: Die Gemäldegalerie wird umgebaut - und nimmt die wertvolle Sammlung Pietzsch auf

Wie bei einem unerwarteten Feuerwerk hat sich der Museums-Himmel in Berlin erhellt, als bekannt wurde, dass es dem Kulturstaatsminister gelungen ist, seinen Kulturetat um 25 Millionen Euro aufzustocken: Er konnte den Haushaltsausschuss des Bundestages überreden, diesen Betrag zu bewilligen, wobei 10 Millionen Euro zweckgebunden sind für den Umbau der Gemäldegalerie am Kulturforum. Dies ist der langersehnte Startschuss auf dem Weg zu einer Veränderung in der Berliner Museumssammlung.

Viele Werke landen im Depot

Um die Bedeutung dieser Bewilligung und der damit möglichen Umgestaltung der Museumslandschaft ganz begreifen zu können, muss man sich folgendes vor Augen halten: Die Neue Nationalgalerie birgt Schätze der Kunst des 20. Jahrhunderts, wie sie vielleicht kein anderes Museum in Deutschland aufzuweisen hat. Diese Schätze ruhen in Depots. Allenfalls kleine Ausschnitte - es dürften nie mehr als 10 Prozent der Sammlung sein - können für kurze Zeiträume das Tageslicht sehen. Dies immer nur dann, wenn in der Neuen Nationalgalerie keine der großen Ausstellungen (wie MoMA, Melancholie) gezeigt werden, denn dann ist die ständige Sammlung gar nicht zu besichtigen. Der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, hat es sich zur Aufgabe gemacht und sie bisher herkulesgleich bewältigt, in drei Phasen Teile der Sammlung vorzustellen: zunächst unter dem Titel "Moderne Zeiten" die Kunst von 1900 - 1945; zurzeit noch bis Ende März 2013 "Der geteilte Himmel", Kunst, die entstanden ist zwischen 1945 - 1968 (und zwar aus beiden Teilen des damals geteilten Vaterlandes).

2013 folgt wohl die Zeit zwischen 1968 bis 2000. Im Hamburger Bahnhof kann man die grandiose Sammlung Marx bewundern, die zum Zeitpunkt der Eröffnung des Hamburger Bahnhofs gerade noch als zeitgenössische Kunst (Contemporary Art) bezeichnet werden konnte, die heute längst zum gesicherten Schatz des Kanons der Kunst des 20. Jahrhunderts, also nicht in ein Haus gehört, das der Gegenwart (also dem 21. Jahrhundert) gewidmet ist.

Und dann die Sammlung von Heiner und Ulla Pietzsch! Das bedeutendste Konvolut surrealistischer Kunst mit Meisterwerken aus mehr als 70 Jahren in Privatbesitz. Eine Sammlung, deren Wert wir heute getrost mit 200 Millionen angeben dürfen und deren Qualität in keinem deutschen Museum zu finden ist. Mit dem Einzug der Surrealisten in die Sammlung der Nationalgalerie würde diese schmerzhafteste Lücke geschlossen werden. Das wäre ein kunsthistorisches Ereignis von Rang. Die Eheleute Pietzsch haben zugesagt, ihre Sammlung der Nationalgalerie zu schenken (zu schenken!) wenn - dies ist die einzige Voraussetzung - garantiert ist, dass es eine räumliche Situation gibt, in der wesentliche Teile der Sammlung gezeigt werden können. Keinen Pietzsch-Raum, keinen Pietzsch-Altar, sondern nichts als die Möglichkeit, Meisterwerke dieser Sammlung sichtbar zu machen (statt sie ins Depot zu schicken), fordern diese Mäzene. Die ständige Sammlung der Nationalgalerie und die Sammlungen Marx und Pietzsch können - darüber gibt es keine Differenzen - nicht annähernd in der viel zu kleinen Neuen Nationalgalerie gezeigt werden.

Die Lösung dieses Problems ist im Wortsinne naheliegend: Die Bestände der Neuen Nationalgalerie gehen (einschließlich Marx und Pietzsch) in die - viel mehr Raum bietende - Gemäldegalerie am Kunstforum, in der jetzt die europäische Bildende Kunst von den Anfängen der Malerei bis zum 18. Jahrhundert gezeigt wird. Und was geschieht mit dieser Sammlung, mit Mantegna, Caravaggio, Rembrandt und all den Meisterwerken?

Auch diese Frage ist einfach, sinnvoll und logisch zu beantworten: Diese Arbeiten gehören auf die Museumsinsel! Dort waren sie einst untergebracht und zwar im Bodemuseum und dort gehören sie wieder hin. Das Bodemuseum zeigt heute die erstaunliche Skulpturensammlung, aber es erweist sich, dass das Angebot, über 1000 Skulpturen sehen zu können, nicht hinreichend attraktiv für Besucher ist. Deshalb soll der zentrale Bestand der Gemäldegalerie ins Bodemuseum wandern.

Es gibt vehemente Gegenstimmen zu diesem Plan, die da sagen: Aber im Bodemuseum kann man doch nicht alle rund 2000 Werke zeigen, die derzeit in der Gemäldegalerie zu sehen sind. Der Einwand sticht nicht: Wenn statt der 2000 Arbeiten in der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel im Bodemuseum nur 800 Arbeiten - im Wechsel können immer wieder neue Konstellationen geschaffen werden - gezeigt werden (neben den die Wände in aller Regel nicht besetzenden Skulpturen), dann bleibt dies eine konzentrierte, hochbedeutende Präsentation.

Will der Besucher nur eine Minute für jedes Bild verwenden, so müsste er 800 Minuten (das sind mehr als 10 Stunden) im Museum verweilen. Die Skulpturen fordern dieselbe Zeit zusätzlich. Dennoch wird und soll auf lange Sicht an der Museumsinsel ein weiterer Bau entstehen, der die gesamte Präsentation der Sammlung ermöglicht. Und der Mies-van-der-Rohe-Bau, dieser Tempel der Moderne, kann endlich Raum bieten, damit Berlin sich immer wieder große Ausstellungen leisten und sie zeigen kann.

Umzug auf die Museumsinsel

Der sonst so klugen FAZ gefällt das Vorhaben nicht, "donquichottesk" sei die Idee, sogar "Irrsinn", eine "aufgeblasene Luftnummer". Warum? Weil die FAZ fälschlicherweise behauptet, "Botticelli, Bellini, van Eyck, Dürer, Rubens, Tizian, Velasquez" verschwinden mit diesem Umzug. Nicht der geplante Umzug, diese Behauptung ist "Irrsinn"! Dass das 20. Jahrhundert zurzeit meist gar nicht und wenn, dann nur bruchstückhaft gezeigt werden kann, bedenken die Kritiker nicht einmal, das passt nicht ins Zerrbild des behaupteten "Irrsinns".

Berlin kann dem Kulturstaatsminister Neumann nicht dankbar genug sein dafür, dass er die Notwendigkeit dieser sogenannten "Rochade" erkannt und mit der Zusage von 10 Millionen auf den Weg gebracht hat. Über ein Jahrtausend - vom 11. bis zum 21. Jahrhundert - wird die Kunst in Berlin würdige Stätten der Präsentation finden und im Humboldt-Forum werden sich die außereuropäischen Sammlungen ein Stelldichein geben. Von den Anfängen der Kunst bis Ende des 18. Jahrhunderts auf der Museumsinsel, das 20. auf dem Kunstforum, das 21. im Hamburger Bahnhof. Welt-Kunst-Stadt Berlin! Berlin freue dich!

Morgenpost-Autor Peter Raue Der Berliner Kulturmanager und Anwalt hat die Verträge zwischen dem Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch und dem Land Berlin über die Schenkung der umfangreichen Privatsammlung ausgehandelt.