Film

"Good Bye, Lenin!": Geschichte wird gemacht

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Peter Zander

Versuche gab es viele, etwa Margarethe von Trottas "Das Versprechen" oder die Brussig-Adaption "Helden wie wir".

Aber den ultimativen Film über die Wende, den Mauerfall erwartete man lange vergebens im deutschen Kino. Bis er 2003, 13 Jahre nach der Wiedervereinigung, mit "Good Bye, Lenin!" quasi über die Hintertreppe kam. Weil die Geschichte hier nicht historisch aufgearbeitet, sondern verkehrt herum erzählt wird. Eine überzeugte Sozialistin (Katrin Sass) erleidet einen Herzinfarkt, als sie sieht, wie rabiat ihr Staat just an seinem 40. Jahrestag mit seinem demonstrierenden Volk umgeht. Acht Monate liegt sie im Koma. Den Mauerfall, die Währungsunion, das alles bekommt sie nicht mit. Als sie dann kurz vor dem Einheitsvertrag wieder erwacht, muss jede Aufregung von ihr ferngehalten werden. Deshalb trifft ihr Sohn Alex (Daniel Brühl) einen folgenschweren Entschluss: Er tut so, als gebe es die DDR noch. Die neuen Klamotten, Möbel und Freiheiten: All das wird wieder abgelegt. Er sucht nach alten Spreewaldgurken-Gläsern, Moccafix und Tempo-Bohnen. Die Plattenbau-Einheitsnorm-Wohnung wird zum real existierenden Museum. 79 Quadratmeter DDR, auferstanden aus Ruinen. Statt eines Westautos wird ein Trabi angeschafft. Und mit selbstgedrehten "Kamera aktuell"-Nachrichten deutet man die jüngste Geschichte um. Dabei verselbständigt sich die Notlüge so sehr, dass am Ende die Utopie einer DDR herauskommt, an die man gern geglaubt hätte.

Wolfgang Becker gelang schon 1997 ein genuiner Berlin-Film. "Das Leben ist eine Baustelle" zeigte den Umbruch der Stadt nach dem Mauerfall, die Hoffnung auf Änderung nach einer Zeit des Stillstands und "die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära". "Good Bye, Lenin!" ist nun keine Bestandsaufnahme mehr, aber auch keine reine Geschichtsstunde, sondern ein Spiel mit Geschichtsfälschungen. Dabei ging es den Filmemachern im Grunde wie ihren Protagonisten. Sie mussten ebenfalls ein Ost-Berlin reanimieren, das es so schon lange nicht mehr gab. Sie mussten rund um die Karl-Marx-Allee Westautos und Westreklame entfernen und die längst sanierten Plattenbaufassaden per Computer wieder auf alt trimmen. Ein Star des Films ist die Ausstattung, für die Szenenbildner Lothar Holler all die alten, ausgedienten Marken der DDR konservierte.

Mit Ostalgie hat Beckers Film dennoch nichts zu tun. Auch Befürchtungen von mancher Seite, dass er, sein Drehbuchautor Bernd Lichtenberg und sein Hauptdarsteller Daniel Brühl als einzige Wessis am Set nicht wussten, wovon sie da erzählen, konnte der fertige Film schnell zerstreuen. Becker ging es primär auch gar nicht um einen Film über die DDR, schon gar nicht um den Film zur Wiedervereinigung, sondern um eine universale Geschichte über eine Mutter und ihren Sohn.