Kulturförderung

Nichts zu lachen

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Kirschner

Am Dienstag wurde über die Gelder für die freie Szene entschieden: Wer Leichtes bietet, hat's schwer

Noten gab's gestern für die Schüler- und die Künstler: Die Senatskulturverwaltung hatte sich den Tag der Zeugnisausgabe für die Vorstellung der Theater- und Tanzförderung für die Jahre 2013/14 ausgesucht. Irgendwie passte das sogar: Denn wie bei mangelhaften schulischen Leistungen ist auch bei den Kreativen die Versetzung gefährdet, wenn die Jury ihre Arbeit als nicht ausreichend bewertet. Diese bittere Erfahrung mussten in der Vergangenheit beispielsweise die Macher der Charlottenburger Tribüne machen. Die Bühne überlebte nicht, nachdem die Förderung nach einem vernichtenden Jury-Urteil gestrichen worden war. Das Haus steht immer noch leer, ein Wiederbelebungsversuch ohne öffentliche Zuschüsse scheiterte.

Dem English Theatre droht das Aus

Gestern nun bekam das English Theatre Berlin einen blauen Brief: Im kommenden Jahr erhält die in Kreuzberg gelegene Bühne im Rahmen der Basisförderung noch 100.000 Euro, 2014 wird der Zuschuss komplett gestrichen. Die Jury begründete ihr Votum mit mangelnder ästhetischer Innovation. Ein Vertreter des Theaters, der bei der Pressekonferenz im Podewil anwesend war, musste die Schocknachricht erst mal verdauen. Dem English Theater droht 2014 das Aus.

Es ist das alte Problem: Rund sieben Millionen Euro kann die sechsköpfige Jury verteilen. Das klingt nach viel Geld, ist aber letztlich immer zu wenig, denn mit der Basis- und Spielstättenförderung wird die gesamte freie Theater- und Tanzszene der Stadt unterstützt. So stufte die Jury zusätzlich 41 Antragsteller als förderungswürdig ein, dafür wären weitere fünf Millionen Euro nötig gewesen.

Das Votum der Jury entscheidet über Existenzen. Kein dankbarer Job, der zudem kaum vergütet wird. Kulturstaatssekretär André Schmitz entscheidet über die Berufung. Nach Besetzungsvorschlägen für die dreijährige Begutachtungszeit werden auch der Deutsche Bühnenverein, die Akademie der Künste oder der Landesverband der freien Theater gefragt. Idealerweise ist die Jury dann mit derselben Anzahl von Frauen und Männern besetzt, ein Vertreter mit Migrationshintergrund ist auch dabei, betont die Senatskulturverwaltung. Und Fachkenntnisse, die werden auch erwartet.

Auffällig ist, dass sich die Jury mit Unterhaltung schwer tut. Die urdeutsche Unterscheidung zwischen E- und U-Kunst, über die in angelsächsischen Ländern geschmunzelt wird, hier kommt sie wieder durch. Und deshalb kann das Weddinger Prime Time Theater noch viele Förderanträge stehen, bewilligt bekommen sie wahrscheinlich keinen. Denn ihre Theatersoap "Gutes Wedding schlechtes Wedding" sorgt verlässlich für Kurzweil und Heiterkeit beim Publikum, außerdem sind die Vorstellungen richtig gut besucht. Aber diese Erfahrung macht auch Claus Peymann am Berliner Ensemble: Wer viele Zuschauer und eine hohe Auslastung hat, wird automatisch als auskömmlich finanziert angesehen.

Für die Weddinger Volkstheatermacher, die einen schwierigen Standort bespielen und die einzige Bühne in diesem Bezirk betreiben (und allein schon deswegen Unterstützung verdienten), ist die Entscheidung doppelt bitter. Sie hatten gehofft, aus dem neuen Topf für Unterhaltungstheater bedacht zu werden. Die CDU wollte dafür ursprünglich eine Million Euro zur Verfügung stehen, aber im Zuge der Haushaltsberatungen schrumpfte diese Summe auf 460.000 Euro. Und die teilen sich jetzt lediglich zwei privat betriebene Häuser: Dieter Hallervordens Schlossparktheater und die Kudamm-Bühnen von Martin Woelffer. Das mag politisch so ausgeheckt worden sein, künstlerisch macht ein Ausschluss des Prime Time Theaters keinen Sinn. Es ist schlichtweg eine Fehlentscheidung.

Der Einfluss der Politik reicht immer wieder in Juryentscheidungen hinein: So fließen beispielsweise beim Hauptstadtkulturfonds, den der Bund mit 10 Mio. Euro speist, oft die größten Beträge nicht an kleine innovative Projekte, sondern an staatliche Einrichtungen wie den Martin-Gropius-Bau oder auch die Staatsoper, die damit eine handvoll Aufführungen im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte finanzierte.

Gegen den politischen Einfluss wehrt sich die Basisförderungs-Jury, die gestern gleich mehrere Beispiel anführte: Sie wollte die Bezuschussung des Puppentheaters Hans Wurst Nachfahren beenden, aber auf Wunsch der Geldgeber bleibt die mit jeweils 113.000 Euro enthalten, aus "kulturpolitischen Gründen" wie Kulturstaatssekretär André Schmitz sagte. Auch die Unterstützung für das Kinder- und Jugendtheater Atze (690.000 Euro pro Jahr) und die Verdopplung der Förderung beim Tanztheater Cie. Toula limnaios (220.000 Euro) war ein ausdrücklicher Wunsch des Parlaments. Wobei es in diesen beiden Fällen auch tatsächlich zusätzliches Geld gab. Immer noch zu wenig, wie die Jury bemängelte, die viel mehr Förderwürdiges entdeckt hat. Aber auch vor dem Hintergrund von Mietsteigerungen und Mindestlöhnen für Künstler in einem Bereich, der von Selbstausbeutung geprägt ist, vor einem Verteilungsproblem steht: Nur wenn Einrichtungen herausfallen, können neue aufgenommen werden.

Unverschämt billig

Zur Ehrenrettung: In der Vergangenheit hatten Jurys bei Neuentdeckungen ein recht glückliches Händchen. Gruppen wie She She Pop oder Gob Squad wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen, was einem künstlerischen Ritterschlag entspricht. Und die Knautschpuppen des Helmi haben es sogar bis zu den Salzburger Festspielen geschafft. Die Freien sind der Humus der Kulturmetropole Berlin - und im Vergleich zu der 120-Millionen-Förderung der Opernhäuser geradezu unverschämt billig. Ein paar Millionen mehr wären gut angelegt. Das hat sich bis nach Hamburg rumgesprochen. Dort will Kultursenatorin Barbara Kisseler jetzt explizit die freie Szene stärken.