Bühne

Hamlet gegen Woyzeck - das kann nur tragisch enden

Bei der Fußballmeisterschaft der Berliner Theater kommt es im Finale zu einem modernen Klassiker

Dass Woyzeck sich den Fuß hält, ist kein gutes Zeichen. Er müsste es eigentlich wissen. Es ist aussichtslos. Aber noch will er es nicht wahr haben. Der schlanke Typ mit Dreitagebart setzt sich also in die erste Reihe, drückt ein Tuch auf den nackten, linken Fuß und bespricht die Taktik für die weiteren Kämpfe mit einem Mitstreiter. Die gelb-schwarzen Uniformen sitzen. Zwischen den mit allerlei Dada-Deutsch beschrifteten Banden formiert sich eine weitere Truppe. Auch in schwarz-gelb, aber eher ein bisschen orange. Über dem Feld hängt ein großes Banner "Der Spieler - Schmeiss Dein Ego Weg". Dazu spielt Sir Henry "Danke für diesen guten Morgen" mit Wohnzimmer-Charme auf der Heimorgel, die rechts der Arena auf einer Empore aufgebaut ist. Aus den Lautsprechern schallt tosender Applaus. Danach "Smells Like Teen Spirit", auch georgelt. Es riecht nach Bier und Mann.

Eigentlich heißt Woyzeck Moritz Grove und ist Schauspieler. Er sitzt in der ersten Reihe im großen Saal der Volksbühne, und mit seinem Schauspiel- und Team-Kollegen vom Deutschen Theater wertet er den bisherigen Spielverlauf der 6. Indoor-Fußballmeisterschaft der Berliner Theater aus. Neben dem Woyzeck, kennt man ihn als K. aus "Das Schloss", er spielt in "Die Weber", 2011 gewann er den Berliner Kunstpreis in der Sparte "Förderpreis Darstellende Kunst". Aber auch als Fußballer taugt er was. Die Statistik gibt ihm Recht. Vier Begegnungen, drei Siege, ein Unentschieden.

Neun Theater treten dieses Jahr gegeneinander an. In der Gruppe A das Maxim-Gorki, das Deutsche Theater, das Radialsystem und der Prater. Die Gruppe B besteht aus Schaubühne, Theater des Westens, Volksbühne, Ballhaus Ost und Berliner Ensemble. Gespielt wird auf einem kleinen Feld zwischen 10 und 15 Minuten nach Regeln des Hallenfußballs, vier gegen vier, also drei Feldspieler plus Torwart. Die Gruppen setzen sich aus Schauspielern, Technikern und Mitarbeitern der Häuser zusammen.

Am Seiteneingang, vorm Roten Salon, gibt es Bier und Bratwürste. Der Wettbewerb ist so eine Art vorgeschobener Grund um ein weiteres Mal im Jahr Spaß im Kreise der Theaterfamilie zu haben. Denn obwohl die Meisterschaft öffentlich angekündigt wurde, scheint der Reporter der einzige Gast zu sein, der nicht zumindest irgendjemanden kennt, der spielt oder Licht macht oder so.

Das erste Halbfinalspiel entscheidet die Schaubühne mit einem sehr engagierten 5:1 für sich. Trainer Thomas Thieme, Schauspieler, Jahrgang 49, Kugelbauch. Seine Taktik: "Hauptsache gewinnen". Trotz schwierigster Bedingungen, "ein einziges Training auf dem Spielplatz" neben der Schaubühne gibt er sich siegessicher. Sir Henry heizt mit "Seven Nation Army" ein. Dann steht die Final-Begegnung fest. Schaubühne gegen Deutsches Theater. Ein moderner Klassiker.

Anpfiff. Starspieler Lars Eidinger ist in Topform. 1,90 m Athletik in langer Sporthose, auch er schwört wie sein Gegner Grove auf Bart. Hamlet gegen Woyzeck, das kann nur in einer Tragödie enden. Prinz Eidinger zaubert sich durch die agile Abwehr des Deutschen Theaters, der Rest ist Schweigen. Der Tormann wehrt den Ball ab, er fliegt in einem Bogen zu Eidinger der bereits in der zweiten Minute zur Führung köpft. Ausgleich durch Grove. Die Spieler kugeln auf dem Boden herum, die Orgel pfeift und die hundert Freunde die ums Spielfeld stehen, sehen das Spiel ihres Lebens. Es geht hin und her und am Ende steht es 4:3 für die Schaubühne. Die Spieler hüpfen in einem Kreis auf das Spielfeld, Trainer Thieme wird herumgetragen. Seine Mütze blitzt über den verschwitzten Köpfen der Spiele, Konfetti regnet von der Decke. Aber Thieme muss jetzt weiter. "Arbeiten, zum Dreh."