Nicki Minaj

Wenn die Musik zweitrangig ist

Nicki Minaj, die neue amerikanische Super-Frau des Rap, gibt ihr erstes Deutschland-Konzert im Tempodrom

Zu der härtesten Dancehall-Musik wackeln im Tempodrom unzählbar viele, meist pinke Kreolen-Ohrringe. Auf den Rängen tanzen junge Frauen mit genauso pinken Perücken, pinkem Lippenstift und pinken Baseball-Caps. Der große Bühnenvorhang, vor dem der DJ die martialischen Rhythmen wie ein taktisches Sperrfeuer auf die Zuschauer schießt, ist auch pink. Es wird noch eine Weile dauern bis Nicki Minaj, die neue amerikanische Super-Frau des Rap, ihr erstes Deutschland-Konzert geben wird. Also noch mehr Rhythmen feuern. Der Schalldruck ist so groß, dass die Musik mehr Gefühl als Klang ist. Beim Tanzen bewegen die Damen ihre rechte Hand auf und ab, als würden sie andauernd auf den Buzzer einer Quizsendung hauen. Es riecht nach preiswertem Parfüm und vielen Menschen.

Und dann stehen Mönche auf der Bühne. Es ist sieben Minuten nach neun. Fackeln brennen vor dem alten Gemäuer, das aus kleinen Bildschirmen besteht. Im Innenraum leuchten tausend Handydisplays. Streicher vom Band. Mit "Roman's Revenge" vom ersten Album beginnt das Konzert. Nach zwanzig Sekunden fliegen die Mönchsroben von den Körpern.

Nicki Minaj trägt ein pinkes Lackkleid. Schwarze Boys mit Basecaps, kurzen Hosen, Kniestrumpfen tanzen 1-A-choreographiert um sie herum. Dunkelhäutige Ladys in 80er-Aerobic-Outfits tun es ihnen gleich. Die Gemäuer sind nun ein New Yorker Hinterhof mit Graffitis. Das Gewummer ist so laut, dass man gar nicht verstehen kann, dass Minaj vielleicht die beste Rapperin dieser Tage ist, das sie zwar vulgär ist, aber Role-Model für Mädchen, die sich im Rap nicht mehr als Accessoire der großen Macker definieren. "I Am Your Leader", der dritte Song des Abends, bringt es da auf den Punk.

Die Figur Nicki Minaj ist die erfolgreiche, pinkfarbene Ausflucht aus einer unschönen Kindheit. 1982 in Trinidad und Tobago geboren, von der Großmutter großgezogen, zieht sie mit fünf zu ihren Eltern in den New Yorker Stadtteil Queens. Der Vater, ein Crackjunkie, misshandelt die Mutter. Mehr erfährt man nicht über die Kindheit der Künstlerin, die eigentlich Onika Tanya Maraj heißt. 2003 beendet sie die High School und beginnt als Background-Sängerin für diverse New Yorker Rapper zu arbeiten. Sie wird von Lil Wayne gefördert und erarbeitet sich mit eigenen Mixtapes die Voraussetzungen für ihr erstes Soloalbum "Pink Friday", das 2010 erscheint.

Bereits nach zwanzig Minuten verlässt Minaj die Bühne. Der DJ am Bühnenrand unterhält das Publikum mit "can't hear you"- und "louder"-Geschrei bis Minaj in einem weißen Brautkleid von rechts erscheint. Ihre Tänzer bewegen sich in silbernen Oben-Ohne-Weltraum-Kadetten-Anzügen. "Starships", das kunterbunte Retro-Techno-Stück, kann man wieder nur erahnen, weil aus den Boxen nur Rauschen kommt, dazwischen die quietschende Stimme Minajs. Das macht aber gar nichts. Die Kreolen kreisen weiter, je länger die Show geht, desto deutlicher wird, die wenigstens sind wegen der Musik da, sondern weil sie in einem großen Raum mit Nicki sein wollen. Die Teenager und Mädels um die Zwanzig verfolgen jeden Schritt der Künstlerin. Eifrig wird mitgefilmt, die Gesten nachgeahmt.

Nicki zieht sich noch einmal um. Zum Schuss ist sie Rotkäppchen in lila Leggins und Gummistiefeln, dazu erzählt sie von Liebeskummer. Das versteht man gut. Und als letztes dröhnt noch einmal der "Super Bass", ihre Riesen-Single vom ersten Album. Da muss man sich den Text wieder vorstellen. Die Kreolen kreisen immer noch.