Theater

Der Geiz der Väter zerstört den Geist der Kinder

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Elmar Krekeler

Nach dem Zusammenbruch: Martin Wuttke spielt Molière

Gesund sieht anders aus. Flecken hat der Mann im mäßig rasierten Gesicht, Schrammen auf der Nase. Ein Mann am Ende. Martin Wuttke - auf dem Programmzettel der Volksbühne. Vor kaum einer Woche war er im Taxi zur Premiere von Frank Castorfs Inszenierung des "Geizigen" von Molière zusammengebrochen. Hatte sich selbst für seine Verhältnisse zuviel zugemutet. Hatte den "Eingebildeten Kranken" gespielt und inszeniert - als Eröffnung einer Molière-Komödien-Trilogie, die mit René Polleschs "Don Juan" im September endet. Hatte beim Theatertreffen herumberserkert. Ein neuer Leipziger "Tatort"-Dreh stand an. Harpagon, der Geizige, gab ihm den Rest. Wuttke fuhr in die Klinik statt auf die Bühne.

Jetzt ist alles gut. Wenigstens mit Wuttke. Der sieht pumperlgesund aus, als er auf die Bühne wackelt. Für einen vom Geiz zerfressenen Alten jedenfalls, der gichtfingrig über seinen Schatz der Dreißigtausend wacht, den er im Garten vergraben hat. Um Molière muss man sich mehr Sorgen machen. Aber dazu später.

"Zum Totlachen" steht auf dem Vorhang vor der eichernen, türenreichen guten Stube, in und hinter der sich alles abspielt. "Zum Totlachen" stand schon auf dem Vorhang von Wuttkes "Eingebildetem Kranken". Außer dem Totlachen war nun eine Parabel angekündigt. "Der Geizige" zeige die Mechanismen der Krise und was der böse Kapitalismus aus Menschen machen könne. Der Geiz der Väter zerstört den Geist der Kinder. Das hat man nach einer halben, wuttkelosen Stunde prima begriffen. Ein Haufen im Schlagschatten des vor Habgier halb wahnsinnigen Alten herangewachsener Hysteriker hatte sich da ausgetobt. Die Jungs als Glamrocker, die Mädels als rotweißgestreifte Großbonbonnieren. Sie versuchen so etwas wie Liebe, proben die Rebellion, knicken aber immer wieder ein.

Mit Wuttke, spinnenbeinig, silberperückt, wird alles besser. Wuttke ist der Motor der Clownerie, die sich zunehmend von Molière verabschiedet. Er springteufelt durch die Tonlagen, hängt am Schrank, gichtfingert durch Text und Raum. Hustet, spuckt, kennt kein Maß. Wie der ganze Rest. Es wird klistiert, die Lautstärke ist groß, der Effekt klein. Eine Schauspielerressourcenverschwendung, denn alle machen mit: Sophie Rois, Kathrin Angerer, die Jungstars Franz Beil und Maximilian Brauer. Alle verausgaben sich. Spielen sich fast tot.

Totlacht sich trotzdem keiner. Zum Leben gibt's zuviel, zum Sterben zu wenig Witz. Castorf lässt Türen schlagen, weil man das im Boulevard so macht, immer zwei mehr, als gut wären. Immerhin scheint ein gnädiger Theatergott die Handkamera versteckt zu haben. Bis zur Pause. Danach ist sie wieder da. Und Castorfs Assoziationsmixer dreht sich mit den üblichen Geschichts- und Ideologiefetzen wie immer um sich und die schlechte Waren- und Menschenwelt. Man sieht Wuttke auf der Leinwand. Er liegt in der Wanne. Marat kurz vor der Ermordung. Er faselt Frühsozialistisches. Dann sitzt er wieder im Bademantel auf dem bekleckerten Sessel. Das Geld ist geklaut. Und Wuttke tönt, er wolle die ganze Welt zum Tatort machen. Die Spusi wird gerufen. Die ersten gehen. Molière ist längst weg.

Ob das ewig so weitergeht, fragt jemand. Es geht gegen halb zwölf. Hinter der Bühne wird weiter gebadet. Diesmal mit de Sade, sie sitzen in der Wanne und fantasieren eine Fäkalsexparty. Eine Schulklasse geht. Viele folgen ihr. Wo ist der Geizige? Ist er tot? Kommt gleich Simone Thomalla? Es wird immer wunderlicher. Molières groteskes Happyend fällt nicht mehr auf. Vielleicht war das Absicht. Vielleicht sollten wir auch bloß verwirrt werden. Die Schüler sollen sich hinterher gefragt haben, ob die Schauspieler das ehrenamtlich machen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Tel.24065777. Termine: 19., 22. & 30. Juni