Bühne

Das Leben ist eine Baustelle

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech

Die Krise der Staatsoper: Der Intendant fürchtet weitere Defizite, der Stardirigent sorgt sich um den Ruf. Ein Blick hinter die Kulissen

Es gibt Probleme mit dem Rückfahrtickett. Dabei war das Opernensemble im vorletzten Sommer froh gelaunt auf mehreren Ausflugsdampfern von Mitte nach Charlottenburg gefahren. Es war der offizielle Umzug aus der Staatsoper Unter den Linden, die einer dreijährigen Sanierung unterzogen werden sollte, in die Ausweichspielstätte Schiller-Theater. Mittlerweile ist die gute Stimmung verflogen, Frustration macht sich gerade breit bei den Staatsopernleuten. "Das Blöde ist die Vertröstung. Wenn wir Künstler für die Eröffnungssaison einladen und dann wieder auf die nächste Spielzeit vertrösten müssen, bekommen wir langsam ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dieses ,April, April' ist jetzt wirklich ausgereizt.", sagt Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm. Statt Oktober 2013 ist jetzt die Wiedereröffnung für 2015 angekündigt. Kürzlich musste Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mitteilen, dass überraschend aufgefundene uralte Holzpfähle in 17 Metern Tiefe zur weiteren Verschiebung führen. Die Staatsoper in Mitte ist auf Wasser gebaut, genau genommen auf Grundwasser.

Der fehlende Untergrund mag gleichsam eine Metapher für den gesamten Berliner Opernbetrieb sein. Dabei geht es auf den ersten Blick um Subventionen und Sanierungen, auf den zweiten um fehlende Akzeptanz auch im politischen Raum. Nicht wenigen Klientelpolitikern gelten drei Opernhäuser nach wie vor als Verschwendung, als etwas Gestriges, durchaus Verzichtbares. Mehrkosten der Staatsopern-Sanierung will keiner mittragen.

Ewiges Grollen gegen drei Opern

Das ewige Grollen gegen die Oper lässt sich an mehreren Beispielen festmachen. Kürzlich brachten die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus den Vorschlag ein, doch die 39 Millionen Euro für die Deutsche Oper in Charlottenburg kurzerhand zu streichen und das Geld lieber an die freie Kulturszene zu geben. Manche applaudierten, andere lachten darüber. Nach dem Auftauchen der Holzpfähle fand eine andere Diskussion im Kulturausschuss statt. Klaus Wowereit, der durch die Flughafenmisere in Kritik geratene Regierende Bürgermeister, musste in seiner Zusatzfunktion als Kultursenator einen Baustopp der Staatsoper wegreden. Ein Baustopp "wäre doch der größte Schildbürgerstreich", sagt Intendant Jürgen Flimm. Aber er weiß natürlich, dass "die Leute der Diskussion überdrüssig sind."

Gleich nach Bekanntwerden der Verschiebung hatten Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und Flimm in einer eigenen Pressekonferenz verkündet, dass sie an der festlichen Eröffnung im Oktober 2014 - während die Sanierung im Hintergrund weiter läuft - festhalten wollen. Auch, um zusätzliche Einnahmen zu haben. Im Schiller-Theater macht die Staatsoper pro Saison vier Millionen Euro Verlust, die auf drei Jahre eingeplanten Rücklagen sind längst aufgebraucht. Angeblich soll der Regierende dieser wagemutigen Idee einer Scheineröffnung zugestimmt haben. Schließlich wurde es still in dieser Angelegenheit. Hinter den Kulissen hatte man nachgerechnet. Die vorzeitige Eröffnung, heißt es im Senat, hätte zusätzliche 2,5 Millionen Euro gekostet. Das kann im Moment kein Politiker vertreten.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem

Seither hüllen sich alle lieber in Schweigen. "Es ist die Ansammlung der asiatischen Affen: Ich sehe, höre, sage nichts. Wir haben nicht mal einen offiziellen Bescheid von der Senatsbaudirektorin oder der Kulturbehörde bekommen, dass es eine Verschiebung gibt", kritisiert Flimm. Gerade haben die Staatsopernleute eine Art bittenden Mahnbrief an ihren Dienstherrn geschrieben. Zwei- oder dreimal pro Jahr soll die Belegschaft im Haus künftig über den Stand der Sanierung unterrichtet werden. "Damit wir das Gefühl loswerden, bei dieser ganzen Sanierung nur die kleinen Lämmer zu sein", sagt Flimm: "Wir haben auch darum gebeten, dass wir einen Mann unseres Vertrauens, einen Theaterfachmann oder Architekten, in die Bauplanungssitzungen setzen können."

Alles in allem gibt sich der Intendant pragmatisch, wohingegen Daniel Barenboim nach wie vor von einer Eröffnung 2014 ausgeht. "Er ist ein Mensch, der das Prinzip Hoffnung erfunden hat", sagt Flimm. Für den Stardirigenten ist es auch ungleich wichtiger, wieder im ersten Haus am Platze zu residieren. Es ist eine Imagefrage, vor allem international. Denn das Schiller-Theater als Ausweichspielstätte wird von allen Beteiligten schön geredet. Es geht um die Randlage, zumal unweit der konkurrierenden Deutschen Oper, um die schwierige Akustik im früheren Sprechtheater, um eine fehlende Seitenbühne mit künstlerischen Einbußen, was die Inszenierungen betrifft. Vieles musste nach dem Umzug improvisiert werden. Auch Flimm, der von Amtswegen gute Laune verbreiten muss, steckt in dieser Zwickmühle. In beiden Häuser spielt sich alles auf der Bühne ab, sagt er, und von Sängerabsagen will er nichts wissen. "Bisher hat nur einer herumgemurkelt."

Jenseits aller gepflegten Staatsopern-Dünkel bleibt die Tatsache, das ein künstlerisches Hochleistungsteam, das eigentlich auf einem Kreuzfahrtschiff durch internationale Gewässer streifen müsste, derzeit gezwungen ist, auf einem Ausflugsdampfer durch Berlin zu schippern. Flimm spricht von irgendwo Ferien machen und dass man wieder nach Hause will. Aber man müsse, weil die Wohnung noch nicht fertigrenoviert ist, wegbleiben. "Das ist doch unangenehm."

Dabei stehen allen Opernleuten der Stadt die unangenehmen Zeiten erst noch bevor. Ende 2014 läuft der zehnjährige Haustarifvertrag der Berliner Opernstiftung aus, die Löhne des nichtkünstlerischen Personals müssen anschließend auf Landesniveau angehoben werden. Rund fünfzehn Millionen Euro Mehrausgaben werden erwartet. Noch weiß keiner, wie das gestemmt wird. Aber alle Beteiligten wissen, dass bald wieder die Diskussionen über den Sinn von drei Opernhäusern und einer möglichen Schließung oder Fusion aufflammen werden. In der letzten heißen Runde, die 2004 zur Gründung der Opernstiftung führte, wurde die Deutsche Oper in die zweite Reihe gedrängt. Neue Verteilungskämpfe will jedes Ensemble in seinem Haus, seiner Trutzburg, ausfechten. Kein Wunder, dass die Staatsoper auf ein verlässliches Rückfahrtickett ins Vorzeigehaus Unter den Linden drängt.