Kulturgeschichte

Der Ball muss ins Stadttor

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Norbert Zähringer

Schienenbeintreten und Stockfechten: Wolfgang Behringer untersucht die abwechselungsreiche Geschichte des Sports

Was nütze es wohl den Menschen, dass irgendwann einmal ein Athlet in Olympia im Wettkampf unbesiegt geblieben sei, soll der römische Architekt Vitruv einst gefragt haben. Aus heutiger Sicht könnte man noch hinzufügen: Was nützt es den Griechen, dass sie 2004 einmal Fußballeuropameister geworden sind?

Zu jener Zeit, als Vitruv sich so über die sportliche Höchstleistungen seiner Nachbarn mokierte - er lebte im ersten Jahrhundert v. Chr. - waren die antiken Olympischen Spiele freilich schon einige hundert Jahre alt. Im Jahr 776 v. Chr. hatte mit der ersten Siegerliste die olympische Zeitrechnung begonnen. Bereits davor muss es in Olympia erste sportliche Wettkämpfe gegeben haben, im Rahmen von Kultfesten, die den Göttern geweiht waren. Doch erst in jenem Jahr bekommt die griechische Welt einen auch zeitlichen Bezugsrahmen, da von nun an die Spiele alle vier Jahre wiederholt wurden - die Wettkämpfe hießen "Olympien", die Zeit dazwischen waren die Olympiaden.

Glaubt man dem Historiker Wolfgang Behringer und seiner jetzt erschienenen "Kulturgeschichte des Sports", dann mauserten sich die antiken Olympischen Spiele recht schnell zur Leistungsschau der hellenistischen Welt. Griechenland, das war damals ein lockerer Verbund einzelner Stadtstaaten und Königreiche mit einem gemeinsamen Kulturraum - aber ohne zentrale Regierung. Die Spiele dienten ebenso der Identitätsstiftung der einzelnen Staaten, wie sie zu einer "den ganzen griechischen Kulturkreis überwölbenden Einrichtung" aufstiegen. Wer etwas auf sich hielt, entsandte seine besten Athleten. Am Anfang gab es wohl nur die Laufwettbewerbe, bald kamen der Fünfkampf, Ringen, Faustkampf, Wagen- und Pferderennen hinzu. Spezielle Sportstätten wurden gebaut, die Athleten im "Gymnasion" einem harten, professionellen Training unterzogen. Erfolg in Olympia konnte dabei auch beruflichen Erfolg bedeuten: Wer das siegreiche Pferdegespann ins Rennen schickte, war ein gemachter Mann.

Nachdem Griechenland Teil des römischen Imperiums geworden war, bekämpften die Römer den Sport der Griechen nicht, konnten ihm aber auch nicht allzu viel abgewinnen. Zwar mochten auch sie Wagenrennen und machten aus diesen Wettbewerben, wie man am antiken Circus Maximus in Rom sehen kann, das, was wir heute "Mega-Events" nennen würden: In der Spätantike soll das römische Hippodrom knapp 400.000 Zuschauer gefasst haben.

Allen Zivilisationen gemein scheint die Faszination für Ballspiele. Behringer erwähnt eine frühe Form von Fußball in China und die Ballspiele der mittelamerikanischen Hochkulturen. Bei den Griechen hatte der Mannschaftsport noch keine Rolle gespielt, im Europa der Renaissance gewinnt er an Bedeutung. In Florenz frönt man dem "Calcio", dem Florentiner Fußball, der allerdings eher mit Rugby vergleichbar ist. In der "Steinzeit" des europäischen Fußballs bekämpften sich meistens die Bewohner verschiedener Stadtviertel oder Dörfer. Ziel solcher Wettkämpfe war es zumeist, den Ball buchstäblich in das Tor des Gegners zu bringen: Spielfeld war häufig der Raum zwischen zwei Stadttoren, gespielt wurde vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung.

Unter den Adeligen hält unterdessen das "Jeu de Paume", das Tennis, Einzug. Anfangs, vor der Erfindung des Schlägers, wird dabei der Ball mit den Handinnenflächen geschlagen. Das Spiel erfreut sich solcher Beliebtheit, dass in ganz Europa "Ballspielhäuser" eröffnet werden - Vorläufer heutiger Fitnessclubs.

Es sollte noch bis 1896 dauern, dass in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit ausgetragen wurden. Obwohl sich bei diesen Spielen Athleten aus der ganzen Welt messen sollten, ist man noch weit von jener Professionalisierung entfernt, wie wir sie von den heutigen Olympiaden kennen. Einige Sportler waren eher zufällig in Athen und nahmen genauso zufällig an der Olympiade 1896 teil. So überredete der Ire John Pius Boland, nachdem er das Tenniseinzelturnier gewonnen hatte, den bereits ausgeschiedenen deutschen 800-Meter-Läufer Fritz Traun zur Teilnahme im Doppel - das die beiden gewannen.

In der Anfangszeit der "modernen" Olympischen Spiele gab es zahlreiche Wettbewerbe, die wir heute wohl kaum mehr für "olympisch" halten würden: Hindernisschwimmen, Tonnenspringen und auch Tauziehen. Bei einigen Disziplinen, wie dem "Schießen auf lebende Tauben", ist bis heute nicht sicher, ob sie überhaupt zur Olympiade gehörten oder nur eben gleichzeitig mit dieser stattfanden. Und überhaupt - was ist eigentlich Sport? Anders gefragt: Was hätte wohl der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, wohl gesagt, wenn man ihm Frauen-Beachvolleyball als olympischen Wettbewerb vorgeschlagen hätte?

Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Sports. C.H. Beck, München. 494 S., 24,95 Euro