Roman

Ein Reiseautor weigert sich stur, West-Berlin zu betreten

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Philipp Haibach

Das Weltgeschehen läuft nicht selten auf einen schalen Witz hinaus: "Warum lächeln die Chinesen so viel", fragte man sich einst im wiedervereinten Berlin. "Ja, weil sie die Mauer noch haben!"

Einer der Pointen des Romans "Kein Feuer, das nicht brennt" von Rayk Wieland, der mit dem Wende-Roman "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" bereits äußerst komisch war, hat natürlich auch wieder mit ebendieser Mauer zu tun. Seine Hauptfigur, der Reisejournalist W., weigert sich nach mehr als 20 Jahren hartnäckig, West-Berlin zu betreten. Aber ausgerechnet ein Autounfall befördert ihn in ein Kreuzberger Krankenhaus. Dann kann der Reisejournalist auch gleich nach China reisen. Denn seine große Lebenslüge ist aufgeflogen, er ist gefeuert: All seine Geschichten für ein renommiertes Magazin waren erstunken und erlogen. Seit einer Dekade schrieb er über die ganze Welt, "ohne die Wohnung zu verlassen. Ein bisschen Internet, eine Handvoll Reiseführer, Lexika und Literatur, dazu ein paar Telefonate - mehr Authentizität braucht kein Mensch".

Ein Reisejournalist, der nicht reist: Das ist nur ein Oxymoron auf den ersten Blick. Ist Fiktion nicht meist ohnehin wahrhaftiger als die Realität? "Niemand muss ins Land, wo die Zitronen blühen, denn die Zitronen liegen im Supermarkt", stößt es W. einmal sauer auf. Vieles lässt er am Ende - während des China-Trips - bewusst offen: "Anstatt die Zeitungen von gestern zu durchsuchen, sollte man vielleicht öfter aus dem Fenster schauen, auf die aufgeblasenen Fratzen der Wolken, die sich da zusammenballen, oder auf einen Baum, der im Wind mit seinen Blättern zittert, um zu wissen, was los ist." Oder man sollte mal wieder den guten alten Goethe bemühen: "Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen."

Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt, Kunstmann, 160 Seiten, 16,95 Euro