Kino

Lesen Sie Tarantino!

Das Drehbuch zu seinem neuen Film "Django Unchained" schwirrt schon durchs Netz. Es wird eine Südstaatengeschichte, brutal und erbarmungslos

"Das Pandämonium regiert. Pferde und Männer fallen über Leichen und Leichenteile von Pferden und Männern. Männer mit abgerissenen Armen und Beinen brüllen wie am Spieß, verletzte und verschreckte Pferde wiehern. Männer versuchen, sich die Kapuze vom Kopf zu reißen, während Pferde in Panik bocken. Einige Männer werden von Gewehrfeuer getötet. Jene, die weder von Kugeln noch von Explosionen erwischt wurden und noch auf ihren Pferden sitzen, können in dem verdammten Rauch nichts sehen. Sie klemmen den Schwanz zwischen die Beine und verduften so schnell wie möglich, winselnd wie geprügelte Hunde."

Willkommen in der amerikanischen Weihnacht 2012. Am 25. Dezember kommt in Amerika "Django Unchained" in die Kinos, der neue Film von Quentin Tarantino, und er wird nicht besinnlich ausfallen. Er spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten, als Sklaverei die Norm war und das Auseinanderreißen schwarzer Familien und das Auspeitschen und das Vergewaltigen und das Eindrücken von Brandzeichen. Und, traut man dem Drehbuch von "Django", das im Internet umherschwirrt, dann zeigt Tarantino das auch alles, in aller Ausführlichkeit.

Tarantino kann seiner merkwürdigen Leidenschaft für das Wort "Nigger" frönen wie noch nie. In "Reservoir Dogs" quasseln die Gangster über "Nigger" und "Dschungel-Bunnies", in "Pulp Fiction" fragt Tarantino höchstpersönlich Samuel L. Jackson, ob er das Schild "Dead Nigger Storage" bemerkt habe, und in "Jackie Brown" kommt das Wort, bei dem sich politisch Korrekte bekreuzigen, insgesamt 38-mal vor. Allein im ersten Drittel des "Django"-Drehbuchs fällt das N-Wort mindestens 25-mal. Man darf sich gar nicht ausdenken, was Spike Lee (der Tarantino damals für "Jackie Brown" tadelte) diesmal sagen wird.

Das Drehbuch ist ohne große Schwierigkeiten auffindbar - mit den Suchbegriffen "Django Unchained" und "script". Auch das Skript zu "Inglourious Basterds" geisterte durchs Netz, lange bevor der Film ins Kino kam, und die "Basterds" wurden - trotzdem oder deswegen - zum erfolgreichsten Film Tarantinos mit 320 Millionen Dollar Einnahmen. Einen Tag nachdem Tarantino das "Django"-Buch abschloss, schmiss er eine Party - und kurz danach begann das Netzraunen: "Ich bin im Besitz des Django-Skriptes!"

Keiner sucht das Leck

Der normale Gang der Dinge wäre nun die fieberhafte Suche nach dem Leck gewesen. Aber ist es so undenkbar, dass ein kluger Kopf bei der Weinstein Company (der Produktionsfirma) ein paar PDFs anonym an ein paar freundlich gesinnte Blogger verschickt hat? Die Entwicklung seit dem "Leck" kann die Weinsteins nur erfreuen. Ein paar beschweren sich darüber, zuviel von der Handlung erfahren zu haben (selber schuld, sie hätten's ja nicht lesen müssen), einige finden "Kill Bill" besser - aber bei der Mehrheit ist schlicht und einfach der Appetit gewachsen. Nehmen wir den Dialog, den ein Kopfgeldjäger mit ein paar Sklavenhändlern führt:

"Ich wünsche, mit Ihnen in Verhandlungen einzutreten!"

"Du sollst normal reden!"

"Oh, Entschuldigung! Vergeben Sie mir, Englisch ist meine Zweitsprache ... Guter Mann, ich versuche lediglich, die Feststellung zu treffen ..."

"Kannst du nicht normal reden, verdammich?!"

"Beruhigen Sie sich doch! Ich bin lediglich ein Kunde, der eine Transaktion zu vollführen wünscht."

Dieser Dialog erwacht erst zum Leben, wenn man weiß, dass der Menschenjäger von Christoph Waltz gespielt wird, von dem man seit seinem Oberst Landa in den "Basterds" ahnt, dass seine ausgesuchte Höflichkeit lediglich das Vorspiel zu äußerst hässlichen Handlungen ist. In dem Drehbuch steckt so viel an Potenzial. Es ist ein Western, aber er spielt im von Cowboys weitgehend gemiedenen Alten Süden. Es ist eine Hommage an den Italo-Western (eine Regieanweisung verlangt ausdrücklich eine "Sergio-Leone-Großaufnahme"), hat aber mit Franco Neros "Django" nur den Titel gemeinsam. Es ist eine Südstaatengeschichte, aber brutal und erbarmungslos, viel näher an "Mandingo" als an dem nostalgisch-verharmlosenden "Vom Winde verweht" und seinen Hollywood-Epigonen. Und es ist wieder eine Rachegeschichte. In "Kill Bill" rächte Uma Thurman alle Frauen, die vom geliebten Mann misshandelt wurden. In "Death Proof" rächten sich Frauen symbolisch an einem Ausbeutermann, und in "Inglourious Basterds" rächte Brad Pitt alle Juden an den Nazis. "Django Unchained" könnte der Film der Rache der schwarzen Sklaven an ihren weißen Peinigern werden, den es bisher nicht gibt. In deutschen Kinos ab 31. Januar 2013.