Bühne

Prophet einer ernsthaften Kunst

Wo die Karriere begann: Die Deutsche Oper gedenkt ihres Ehrenmitglieds Dietrich Fischer-Dieskau

An der Deutschen Oper hatte einst die Karriere des späterhin weltberühmten Baritons begonnen. Bereits 1948 stand Dietrich Fischer-Dieskau, der gebürtige Berliner, als Marquis von Posa in Verdis "Don Carlos" auf der Bühne des Vorgängerhauses, der damaligen Städtischen Oper. Jetzt gedachte das Haus ihres Ehrenmitglieds. Im Gedenkkonzert wird zum Schluss, nach gut einer Stunde, ein Ausschnitt aus einer Aufführung Mitte der Sechziger Jahre gezeigt: Der Tod des Posa im dritten Akt, mit einem theatralisch dahin sinkenden Fischer-Dieskau. Dann bricht plötzlich die Übertragung auf der großen Leinwand ab. Ein wenig betroffene Ratlosigkeit und Stille herrscht im Saal. Aber genau so ist es mit dem Tod, wenn er kommt, auch im stattlichen Alter, hinterlässt er Leere und Ratlosigkeit.

Dietrich Fischer-Dieskau ist 86-jährig am 18. Mai in seinem Haus am Starnberger See verstorben, beigesetzt wurde er auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße. Zum Gedenkkonzert waren rund 1000 Besucher in die Deutsche Oper gekommen. Schon im Foyer bildete sich eine lange Reihe. Viele wollten sich ins Kondolenzbuch eintragen, teils mit sehr persönlichen Worten. Dietrich Fischer-Dieskau war nicht irgendein Berliner Sänger, sondern das Künstleridol einer ganzen Generation. Ein Hoffnungsträger für alle Kriegsheimkehrer, der auch er war.

Peter Gülke erklärt in seiner Gedenkansprache "den verspäteten Propheten einer ernsthaften Kunst". Fischer-Dieskau war es, der es geschafft hat, Liederabende zu etablieren. Nachfolgende Generationen zehren davon. Im Programm schlüpft Martin Hensel quasi in die Rolle des großen Baritons, um zwei Lieder aus Brahms "Schöne Magelone" zu singen. Brahms, Schubert, Schumann würden das Empfangskomitee bilden, sagt Gülke, dort im Paradies, Abteilung Musik. Der Redner weiß aber auch: "Je höher einer steigt, desto einsamer ist er". Der Sänger hatte zuletzt einsame Zeiten hinter sich. Und er war einmal ganz oben.

Auf der Berlinale 1961 erhielt Filmregisseur Bernhard Wicki den Silbernen Bären für seinen Film "Das Wunder von Malachias". Diese Satire auf die scheinheilige Wirtschaftswundermentalität spiegelte ganz beiläufig beim Smalltalk am Buffet die Popularität des Sängers: "Fischer-Dieskau war wieder enorm, wir hören nur noch Fischer-Dieskau." Dazu klirren fröhlich die Sektgläser. Der Sänger war in aller Munde, ein Liebling der Gesellschaft. Viele seiner damaligen Verehrer saßen jetzt wohl mit im Publikum. Anfang der Sechziger hatte Fischer-Dieskau als Opernsänger den Höhepunkt seiner Karriere erreicht, er wurde in den großen Häusern zwischen Berlin, München, Wien, London, New York und früh schon in Japan gefeiert. Er war ein Schallplattenkönig.

Gezeigt wurden jetzt außerdem zwei Mozart-Ausschnitte von 1961, in dem Fischer-Dieskau zuerst die Serenade des Giovanni im zweiten Akt vorträgt. Ein wenig pausbäckig war er und irgendwie auch ein galanter Schelm. Die Bühnenpräsenz ist selbst in der Schwarzweiß-Aufnahme und in einer sturzbiederen Regie nicht zu übersehen. Als stattlicher Verführer wird er später "Reich mir die Hand, mein Leben" singen. Sein Bariton schmilzt im Legato dahin, im gebundenen Schöngesang, noch ist er nicht in der Phase des textdeutenden Konsonantenspuckens angekommen. Bereits Anfang der Achtziger verabschiedete sich Fischer-Dieskau von der Opernbühne und setzte andere Schwerpunkte in seinem Künstlerleben. Er wusste immer, was er wollte. Dazu zählte vor allem die künstlerische Perfektion. "Wir werden Seinesgleichen nicht mehr sehen", sagt Gülke.