Interview

"Und den Pokal, den holen wir auch"

Auf seine Fußballer ist er stolz, Shakespeare ist für ihn die größte Herausforderung: Heute bekommt Thomas Ostermeier den Luft-Preis

Für die Jury des Friedrich-Luft-Preises war "Maß für Maß" die beste Inszenierung, die 2011 in Berlin und Potsdam herausgekommen ist. Heute Abend erhält Regisseur Thomas Ostermeier im Anschluss an die preisgekrönte Aufführung in der Schaubühne den mit 7500 Euro dotierten Theaterpreis der Berliner Morgenpost Mit dem künstlerischen Leiter der Schaubühne sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost:

Herr Ostermeier, Sie bekommen den Friedrich-Luft-Preis zum zweiten Mal. Erinnern Sie sich noch?

Thomas Ostermeier:

Ja, aber das erste Mal liegt lange zurück, Ende der Neunziger war das für "Messer in Hennen" an der Baracke des Deutschen Theaters. Und ohne die damalige Auszeichnung schmälern zu wollen, diesmal ist der Preis wichtiger.

Warum?

Es herrscht eine unheimliche Konkurrenz zwischen den Theatern in dieser Stadt, wir versuchen uns durchzusetzen. Es gibt ja eine wahnsinnige Differenz zwischen der internationalen Wahrnehmung der Schaubühne und der hier zu Hause. Der Luft-Preis ist eine wichtige Auszeichnung: Für das Theater, das Ensemble und das Auftreten in der Stadt.

An der Baracke haben Sie britische Gegenwartsdramatik inszeniert, jetzt sind Sie mit Shakespeare bei dem englischen Klassiker angekommen. Ist das eine Frage des Alters?

Absolut. Ich habe mir mit Shakespeare bewusst Zeit gelassen. Wobei ich nicht weiß, ob ich jetzt schon alt genug dafür bin. Shakespeare zu machen, stellt für mich die größte Herausforderung dar. Sehr komplex. Die Figuren sind sehr viel ambivalenter und vielschichtiger als in den meisten anderen Stücken. Manchmal begreife ich erst beim Inszenieren, worum es in der Szene gehen könnte. Das ist etwas sehr Schönes auf den Proben: Wenn man sich vom Stoff überraschen lassen kann.

Warum passt Shakespeare so gut in unsere Zeit?

Marcel Reich-Ranicki hat mal gesagt, jede Zeit hat ihren Hamlet. In den Shakespeare-Stücken kann sich die Zeit ausdrücken. Die haben so ein großes Volumen, sind so denkbar, dass man die Zeit hineinlesen kann.

Und ein Fall wie der von Strauss-Kahn macht Ihre Inszenierung hochaktuell.

Aber für mich war die Auseinandersetzung mit Macht bei "Maß für Maß" nicht der Ausgangspunkt.

Sondern?

Eigentlich wollte ich der Frage nach meinem eigenen Selbstverständnis nachgehen. Im Stück geht es um zwei Formen von der Leitung, von dem Zusammenhalten eines Staates oder eben auch eines Ensembles, eines Theaters. Die sehr rigide Richtung, die Angelo verkörpert, der die Gesetze streng auslegt, das entspricht ein bisschen dem frühen Ostermeier. Damals bin ich dazwischen gegangen, wenn jemand einen Film drehen wollte, ohne dass das besprochen war. Oder eben die verständnisvollere des Herzogs. Er weiß um alle Seiten des Menschseins. Es wird ja viel von dem kopiert, was man selbst vorlebt. Ich bekomme es nicht hin, ein komplett unbestechliches Vorbild für meine Mitarbeiter zu sein. Ich wollte die Frage nach dem richtigen Weg untersuchen. Beantworten kann ich es auch nicht. Wahrscheinlich liegt der irgendwo in der Mitte.

Dreharbeiten während der Proben scheinen an der Schaubühne kein Problem mehr zu sein, Lars Eidinger, der viele große Rollen in Ihren Inszenierungen gespielt hat, startet jetzt beim Film durch.

Mir war gar nicht so bewusst, wie oft ich mit Lars in den letzten Jahren gearbeitet habe. Als ich kürzlich in Brasilien war, um dort meine Arbeiten vorzustellen, habe ich Ausschnitte aus meinen Inszenierungen gezeigt - bei allen wichtigen Arbeiten ist Lars dabei. Die Qualität dieser Inszenierungen hat auch etwas mit ihm zu tun. Er ist ein mitdenkender Schauspieler. Er stellt auf den Proben gute Fragen. Ich bin stolz, dass er bei uns ist, er könnte auch jederzeit zum Film gehen.

Wenn Ihre Schauspieler Filme machen, dann gehen Sie ins Kino?

Unbedingt. Aber ich sehe natürlich auch andere, ich finde den neuen deutschen Film ganz wichtig. Ich habe mir auch sofort "Barbara" angeschaut. Ich verfolge das sehr genau, weil Filmregisseure wie Hans-Christian Schmid oder Christian Petzold versuchen, die bundesdeutsche Wirklichkeit zu greifen und die Konflikte und Friktionen unserer Gesellschaft zu beschreiben. Das ist auch mein Ansatz, wenn ich Ibsen inszeniere.

"Ein Volksfeind", Ihr neuer Ibsen, kommt im Sommer in Avignon heraus, "Maß für Maß" war eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Bringen Sie ihre Inszenierungen lieber außerhalb Berlins heraus, weil die Kritik hier als unbarmherzig gilt?

Ja.

War das zu Zeiten von Friedrich Luft anders?

Friedrich Luft hat das Theater geliebt. Ich glaube, das ist für Kritiker schwieriger geworden, weil viele Theater in Deutschland eine Spielplanpolitik nach dem Motto machen: am besten ist der, der am meisten produziert. Dadurch kommt bei einigen Kritikern eine Müdigkeit auf, eine Sehnsucht nach theaterfreien Abenden. Eine Premiere ist nicht mehr so ein feierliches Ereignis, sondern einfach eines mehr. Vielleicht hat dadurch die Liebe und Leidenschaft zum Theater bei Kritikern abgenommen. Aber das wir deswegen Produktionen außerhalb rausbringen, ist nur die halbe Wahrheit. Eine Koproduktion mit Salzburg oder Avignon ist so gut bezahlt, dass wir mit den Einnahmen eine weitere Produktion hier in Berlin machen können. Das ist für uns wirtschaftlich ganz wichtig, ein fest eingeplanter Einnahmeposten. Und die Koproduktion haben wir dann bei uns im Spielplan, die läuft ja nur ein paar Mal auf einem Festival, anders, als wenn wir Koproduktionen mit anderen deutschen Theatern machen würden, da ist der Kosten-/Nutzenfaktor eher gering.

Für fußballinteressierte Zuschauer ist das heute ein schwieriger Abend. Wird das Publikum über den Spielstand bei Deutschland-Holland informiert?

Mal schauen, ob man das einbauen kann.

Sie haben mal in der Fußball-Mannschaft der Schaubühne gekickt.

Bin aber kein guter Fußballer.

Am Sonntag steht das diesjährige Turnier der Berliner Theater an.

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Pokal wieder gewinnen werden.

Worauf gründet Ihr Optimismus?

Wir haben es schon zweimal geschafft. In den vergangenen Jahren dominierte das Maxim Gorki Theater, aber jetzt spielt Lars Eidinger wieder bei uns mit. Außerdem haben wir neue, gute Spieler wie Christoph Gawenda und endlich auch einen Ersatz für unseren ans Hamburger Thalia Theater abgewanderten Torwart André Szymanski gefunden. Und mit Thomas Thieme einen leidenschaftlichen Trainer.

Und ein Meister der Kabinenansprache?

Thieme ist ein unglaublicher Motivierer in der Kantine - da fand die letzte Mannschaftssitzung statt.