Gedenken

Die Autorin überlebte nicht, aber ihre Gedanken

Lautstarkes Erinnern: Am Hackeschen Markt wird den ganzen Tag lang aus Anne Franks Tagebuch vorgelesen

Ein kleines Tagebuch, nichts weiter. Der Vater schenkt es seiner Tochter zum 13. Geburtstag. Es ist der 12. Juni 1942, Amsterdam. Das junge Mädchen heißt Anne Frank. Sie ist Jüdin. Draußen in der Welt tobt der Nationalsozialismus. Das kleine Büchlein wird in der dunklen Zeit zur besten Freundin. Anne nennt es Kitty. Zwei Jahre lang schreibt Anne in ihre beste Freundin hinein, vertraut ihr intimste Gedanken an. Die persönlichen Aufzeichnungen des jungen Mädchens werden zu einem der wichtigsten Zeitdokumente über den zweiten Weltkrieg und das Wüten der Nazis.

Zum 70. Jahrestag des Buches fand am Dienstag eine Leseaktion des Berliner Anne-Frank-Zentrums am Hackeschen Markt statt. Um zu erinnern, zu gedenken, und um die Botschaft des Tagebuchs nicht zu vergessen: Nie wieder Krieg, nie wieder Unterdrückung, nie wieder Rassismus. Das Ziel: den ganzen Tag über aus dem Tagebuch lesen, so dass am Schluss das ganze Buch vorgetragen würde. Jeder darf mitmachen.

Eröffnet wird die Lesung von Margot Friedlander, Jahrgang 1921 und somit Zeitzeugin der Nazi-Zeit. Friedlander wurde 1944 im KZ Theresienstadt interniert, überlebte den Holocaust und floh nach Ende des Krieges nach New York. Sie nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seit 2010 lebt Friedlander wieder in Berlin und erzählt bis zu drei Mal wöchentlich in Schulklassen über ihre Erlebnisse. 2008 veröffentlichte sie ihre Memoiren unter dem Titel "Versuche, dein Leben zu machen". Doch an diesem Tag widmet sie ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Anlass. Sie liest die ersten Einträge aus Anne Franks Tagebuch.

Auch Schauspieler Ulrich Matthes, der den Joseph Goebbels in Bernd Eichingers "Der Untergang" spielte, und Maja Maneiro, bekannt durch die Telenovela "Anna und die Liebe" sind gekommen und machen mit. Außerdem beteiligt an dem Projekt haben sich Jugendliche des Literaturclubs der Liebig-Schule aus Neukölln, die Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen.

Das Werk zählt heute zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Unter den Büchern über die Zeit des Nationalsozialismus ist es sogar das meistgelesene. Vierzig Millionen Mal wurde es gedruckt, in rund sechzig Sprachen übersetzt. In Schulklassen zählt es zur Standardlektüre. Es ist die eindringlichste Botschaft für junge Menschen gegen Unterdrückung, Krieg und Diktatur. Erzählt von einer Jugendlichen für Jugendliche. Auch wenn Anne Frank nicht wissen konnte, dass einmal die ganze Welt ihre Gedanken lesen würde.

Obwohl immer wieder vom nahen Straßen- und S-Bahnlärm übertönt, von ratternden LKW-Ladeflächen und laufenden Motoren, lesen die Schüler ungestört aus dem Tagebuch vor. Vielleicht ist diese städtische Geräuschkulisse, die permanent zwischen Ruhe und Lärm changiert auch der geeignetste Hintergrund für die teils ruhigen, teils lärmenden Passagen des Tagebuchs.

Kontinuierlich wird gelesen, Passanten bleiben stehen und entschließen sich kurzerhand, selbst ein paar Seiten vorzutragen. Auch auf Englisch und Niederländisch (die Sprache, in der Anne Frank ihre Gedanken niederschrieb) wird vorgelesen. Den ganzen Tag über bleiben Leute stehen und hören zu, lauschen den Aufzeichnungen einer Teenagerin aus fernen Zeiten.

Sommer 1944: Gestapo-Truppen stürmen das Haus in der Prinzengracht 263, in dem sich Anne und ihre Familie vor dem Vernichtungswahn der Nazis versteckt halten. Monate später, im März 1945, nur wenige Wochen vor der Befreiung durch die Alliierten, stirbt Anne Frank im KZ Bergen-Belsen an einer Typhus-Infektion. Ihre Tagebuchaufzeichnungen aber haben den Holocaust überdauert. Otto Frank, Annes Vater, war der einzige Überlebende der Familie. Nach seiner Rückkehr aus Auschwitz sorgt er dafür, dass die Notizen seiner Tochter veröffentlicht werden. Ihm ist es zu verdanken, dass heute das Tagebuch seiner Tochter an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erinnert. Und dass sich zukünftige Generationen immer wieder damit auseinandersetzen.