Geitels Geschichten

Ein Bass fordert Respekt

Josef von Manowarda war Opernstar in Berlin

Josef von Manowarda, Berlins überragender Bassist, war gerade erst fünfzig, als ich ihm hochachtungsvoll mein Autogrammbuch am Bühneneingang der Staatsoper entgegenstreckte. Das war am 18. Oktober 1940 geschehen. Manowarda hatte den "Peneios" in Straussens "Daphne" gesungen. Zwei Jahre später war er tot. Die Opernwelt war entsetzt über seinen frühen Tod.

Manowarda war aber auch sehr früh erfolgreich die Karriereleiter hinaufgeklettert. In jungen Jahren schon, die man ihm allerdings kaum ansah, war er eine Respektsperson. Ihn umgab so etwas wie Erhabenheit. Das kommt eben vom Sarastro-Singen!

Die Aura umgab Manowarda fraglos auch schon, als er 1919 in der Dresdner Uraufführung der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss die Rolle des "Geisterboten" sang. Er war damals noch keine Dreißig, aber ein Geisterbote der herausgesungenen Operndramatik blieb er. Sehr früh schon hatten die Wagner-Festspiele in Bayreuth Auge und Ohr auf Manowarda geworfen. Es lud ihn Jahr um Jahr verlässlich zu Gast. Er musste schon sehr darüber wachen, die Konkurrenz Salzburg nicht allein dadurch zu verärgern, dass Wagner bei ihm immerfort Vorfahrt hatte und er darüber vielleicht sogar seinen denkwürdigen Osmin in der "Entführung aus dem Serail" verlernte. Vom Sarastro einmal ganz zu schweigen.

Die führenden Festspiele, die regierenden Opernhäuser rissen einander natürlich allmächtige Sänger wie Manowarda mit Vorliebe gegenseitig aus der Hand und dienten sie, mehr oder minder devot, ihren Stardirigenten an. Von Regisseuren war damals ja noch kaum die Rede. An die Berliner Lindenoper war er 1935 fest verpflichtet worden.

Manowarda stammte aus Krakau. Seine Familie konnte sich zu den ruhmreichen Adelsgeschlechtern Österreichs zählen. Um das misskreditierte Adelsprädikat "von" in seinem Namen brauchte er sich aber, wie später Karajan, keine Sorgen zu machen. Es stand seinem Namen gut, verlässlich und sorglos voran und trug auch keine Titelschleppe wie etwa Nicolaus Harnoncourt, Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt; wie sein voller, geradezu übervoller Name lautet.

Beim Autogrammgeben ließ Manowarda jedenfalls gern den Vornamen und das "von" weg. Sein Singen hatte dennoch bis zum Schluss adelige Statur. Kein Wunder, er hatte sich oft genug singend an der Darstellung König Markes im "Tristan" erprobt. Manowarda verstand es aber auch, aufs Genialischste unheimlich zu werden, die sogenannten komischen Opern mit Gefährlichkeit zu unterwandern. Die Glanzrolle für Manowardas Außerordentlichkeit bot ihm natürlich Mozart mit der Rolle des Osmin in der"Entführung aus dem Serail". Sie strotzte vor Gefährlichkeit und amüsierte zugleich: eine Partie am Rande des Abgrunds, an dem Vergnügen im Handumdrehen in Entsetzen umschlagen kann. Manowarda war stets für beides zuständig: die Heiterkeit und die Scham über sie. Er lehrte seine Hörer gewissermaßen im Nebenbei, vorsichtig zu sein mit der Begeisterung und nicht an den falschen Stellen zu lachen.

Am sichersten umschiffte er, singend, diese kritischen Augenblicke mit der Fülle seiner Salzburger Festspielkonzerte, in denen er Händels "Messias" sang, Haydns "Schöpfung" oder sogar Rossinis "Stabat mater". Er war der grandios tiefstimmig singende Nobelmann der Musik.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern