Film-Musical

Ja, er singt selbst

In "Rock of Ages" spielt Tom Cruise einen abgewrackten Rocksänger. In dem Film-Musical greift er zum Mikro

Schon sein erster Auftritt hat es in sich. Erst schlägt ein Eingeborener gegen ein riesiges Becken, dann muss sich sein Manager durch einen wahren Kitschdschungel von Schlafzimmer kämpfen, und dann kriecht unter zwei nackten Frauen langsam ein halbnackter, völlig bekiffter Tom Cruise aus dem Bett. Lange Haare, dick Kajal unter den Augen, Riesenklunker an den Fingern, überall Tattoos auf dem Körper und Lederchaps, die sein Hinterteil entblößen: So begegnet uns Tom Superstar Cruise in "Rock of Ages". Ein Musical, in dem er nicht nur einen Rockstar spielt, sondern, jawohl, auch selber singt. Und zwar mehrfach. Rocksongs von Guns'n' Roses, Bon Jovi und Def Leppard. Und er sieht dabei auch aus wie eine Mischung aus Jon Bon Jovi, Keith Richards und - Iggy Popp.

Cruise ist bekanntlich ein Kontrollfreak, der fast alle seine Filme selbst produziert und von Anfang an darüber wacht, dass er stets als Held, als Lichtfigur, als Strahlemann rüberkommt. Das macht seine Filme oft so langweilig und hat am Ende schon ganz schön an seinem Nimbus als Superstar gekratzt. Alle Jubeljahre wieder gönnt er sich aber einen kleinen Ausreißer, mit dem er gegen das eigene Image mit Lust anspielt. In "Rock of Ages" ist er eben kein glorioser Rockstar, sondern einer, der seinen Zenit längst überschritten hat, der gehörig abgerockt und abgerissen ist und den Verführungen des Geldes, der Musikindustrie und der Drogen erlegen ist. Cruise ganz am Ende: Nein, so haben wir ihn noch nie gesehen. Und doch ist er so gut wie lange nicht. Wer schon glaubte, der Star stecke in einer Sackgasse, dem beweist dieser Film das Gegenteil: Cruise rockt. Und wie.

Ein Mädchen vom Lande

Nun müssen wir gleich verraten, dass Cruise, der in zwei Wochen 50 wird, hier nur eine Nebenrolle spielt. Eigentlich handelt "Rock of Ages" von einer oft gehörten, oft gesehenen Geschichte: die eines Mädels vom Lande, das in die Großstadt, hier: nach Los Angeles kommt, um ihre Träume zu verwirklichen. Singen will sie - und landet erst mal als Kellnerin in einem Rockclub, in der die anderen singen. Dort verliebt sie sich in einen schüchternen Kellner, in dem ebenfalls eine Rockröhre schlummert. Und beide könnten sich ganz schnell kriegen und ins Happy End singen, wären da nicht ein intriganter Musikmanager, ein, zwei Missverständnisse und eine ultrakonservative Wertewächterin, die wider Hardrock und Heavy Metal geifert.

Das Bühnenstück hatte 2005 quasi vor Ort, in Los Angeles, Premiere, bevor es jenen Boulevard eroberte, den Musicals nehmen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen: den Broadway. "Rock of Ages" ist eine sogenannte Compilation Show oder Jukebox Musical: Die Musik wird also nicht, wie bei den "echten" Musicals, eigens für die Produktion komponiert. Man bedient sich vielmehr bereits erfolgreicher Rock- und Pophits. Wie das Abba-Musical "Mamma Mia!" oder das Queen-Musical "We will Rock You", die beide gar nichts mit der Geschichte der Bands zu tun haben, aber genüsslich deren Sound zelebrieren. In "Rock of Ages" ist das noch weiter gefasst: Da wird von Foreigner über REO Speedwagon und Pat Benatar alles gespielt, was Ende der achtziger Jahre (die Zeit, in der die Handlung spielt) mal die Charts gestürmt hat.

Kleine Geschichte, große Hits: Das reicht immer für einen Erfolg. Im Kino wird das aber noch veredelt, weil nicht nur Tom Cruise einen großen Nebenauftritt hat. Auch Catherine Zeta-Jones als Sarah-Palin-Parodie darf die Beine hochreißen und "We Built This City" schmettern und Alec Baldwin hat sein spätes Sangesdebüt mit "Jukebox Hero". Da müssen einem die jungen Hauptdarsteller Julianne Hough und Diego Boneta fast leid tun. Die haben natürlich die besseren Stimmen, verblassen aber ein wenig neben so viel Star-Auftrieb. Das Musical fristete einmal dasselbe Schicksal wie ein anderes populäres amerikanisches Filmgenre: der Western. Nach einer Hochzeit im frühen Tonfilm kreierten die sechziger Jahre noch letzte opulente Prunkstücke, die aber schon nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren. Dann gab es Spät- und Spätestwestern und ebensolche Musicals, doch das Genre an sich schien antiquiert. Selbst die Lloyd-Webber-Adaption "Evita" war 1996 trotz (oder wegen?) Madonna in der Titelrolle alles andere als ein Kassenhit. Aber nach der Jahrtausendwende setzte plötzlich ein neuer Musical-Boom ein, "Chicago", "Rent", "Phantom der Oper", "The Producers", "Sweeney Todd": Das ganze Broadway-Repertoire kam auch auf die große Leinwand. Und ein wesentlicher Kinoreiz besteht stets darin, dass zwar nicht immer die besten Sänger gecastet werden, aber dafür Filmstars, die sich auch mal im Singen versuchen. Und das betrifft sowohl originäre Musicals ("Les miserables" wird gerade mit Hugh Jackman und Russell Crowe verfilmt) wie auch Compilation-Shows à la "Mamma Mia!" mit Meryl Streep.

Ein doppeltes Vergnügen

Regisseur Adam Shankman hat vor fünf Jahren mit "Hairspray" schon einmal ein Musical verfilmt. Und damals, unvergessen, John Travolta in Perücke und Frauenkleidern gesteckt und mit Christopher Walken einen der schrägsten Liebesduette schmettern und tanzen lassen. Michelle Pfeiffer war da die böse Gegenspielerin, und auch damals schon hatten es die jungen, "echten" Sänger schwer, gegen so viel Hollywood-Status anzuspielen. Für den Zuschauer ist das freilich ein doppeltes Vergnügen. Und das wiederholt sich nun bei "Rock of Ages". Selbst wer sonst nicht auf Heavy-Metal-Dröhnen und E-Gitarren-Rausch steht, wird unweigerlich mitgerissen. Und auch die Stars scheinen sichtlich daran Spaß zu haben, über die Stränge zu schlagen. Zu singen hat offensichtlich etwas Befreiendes. Man muss sich wohl nur trauen.