Theater

Die große Gert-Voss-Show im Berliner Ensemble

Der Schauspieler übernimmt alle Rollen in "Elisabeth II"

Die Dritten Zähne lauern schon im Wasserglas auf dem Beistelltisch. Doch bevor der Herr, der jetzt im Rollstuhl langsam an die Rampe fährt, so richtig bissig wird, muss er kurz noch was erklären. Dass er der Großindustrielle Herrenstein sei, ungefähr 75 Jahre alt, nach einem Unfall seit 25 Jahren mit künstlichen Beinen und Füßen ausgestattet und dass wir uns in Wien befänden. Im dritten Stock eines Hauses an der Ringstraße schräg gegenüber der Wiener Staatsoper. In einem hochherrschaftlichen Jahrhundertwendesalon, aus dem zwei seitliche Türen abgehen und eine hohe Balkontür in der Mitte.

Vor allem Letzteres sieht man nämlich nicht. Oder besser gesagt, nicht mehr. Als Thomas Langhoff "Elisabeth II" von Thomas Bernhard 2002 auf die Bühne des Wiener Burgtheaters brachte, glänzte Gründerzeitpracht aus üppigem Mobiliar. Jetzt, zehn Jahre später, zeigt das Berliner Ensemble im Rahmen seines "Wien-Festivals" eine überarbeitete Fassung (eingerichtet von Ursula Voss) jener Inszenierung des kürzlich verstorbenen Regisseurs. Die ist im Mobiliar abgespeckt und in der Besetzung. Vom ursprünglichen Personal ist allein Gert Voss geblieben in der Rolle des grantelnden Misanthropen Herrenstein. Weitere Rollen und ausgewählte Regieanweisungen spricht Voss gleich mit. Insofern tut er gut daran, in dieser kleinen Vorrede schon mal die Imaginationskraft des Publikums zu animieren. Wie er seinen unsichtbaren Kammerdiener Richard und die abwesende Haushälterin Fräulein Zallinger vorstellt und mit ihnen plaudert, das hat bisweilen was vom "Dinner for One", wobei es in diesem Fall korrekt "Queen for One" heißen müsste. Die nämlich hat ihren Besuch in Wien angekündigt.

Tödliche Schaulust

Den Alten lässt der royale Rummel natürlich kalt, aber er hat nun mal den schönsten Balkon mit dem besten Blick auf die Parade und also hat sein Neffe eine Runde Schaulustiger aus der feinen Wiener Gesellschaft in des Onkels Salon geladen. Der hat für "das ganze Gesinde" wenig übrig, wie überhaupt nichts und niemand seiner höhnenden Verachtung entkommt. Nicht das Wiener Bürgertum, nicht ein einziger der von ihnen bevorzugten Luftkurorte, nicht Brahms und schon gar nicht das Burgtheater, "diese perverse Stückevernichtungsmaschine". Alles ist ihm scheußlich, abstoßend, geschmacklos, widerwärtig. Und ausgerechnet er wird diesen Tag, an dem der Balkon in die Tiefe rauscht, überleben.

Wie dieser an Körper und Seele verkrüppelte Querulant da so haltlos höhnend vor sich hin tiradiert, das hat komisches Potenzial. Doch der Autor hatte in typisch Bernhardscher Schelmerie seinem Text von 1987 ausdrücklich die Gattungsverortung "Keine Komödie" zugeschrieben. Dafür sorgt Gert Voss. Zwar fehlt ihm mangels weiterer Darsteller (vor allem mangels der Traumkombination mit Ignaz Kirchner als Diener) die tatsächliche Reibefläche und damit bisweilen auch ein wenig die Fallhöhe, doch der Mann ist natürlich ein Ausnahmeschauspieler. Und für einen solchen ist diese Rolle ein Geschenk, das er durchaus selbstbewusst an- und auspackt. Er geifert und grummelt, scheint im Zorn beinahe zu implodieren, er speit der Welt mit mahlendem Unterkiefer und dumpf mit den Fingern auf den Beinprothesen trommelnd ein giftiges Lachen entgegen. Aber er zeigt auch die aus der Einsamkeit rührende Verletzbarkeit des zornigen alten Mannes, wie er den Diener anfleht, ihn nicht zu verlassen, wie er für einen kurzen Moment mit offenem Blick sich sogar mal ein befreites Lachen gönnt und dann selbst darüber zu erschrecken scheint. Er bricht mit präzisem Timing Herrensteins gallige Größe, die aus der Schwäche kommt, auf und schmilzt für Momente den eisigen Kern immer wieder an. Es ist diese "Elisabeth II" tatsächlich vor allem ein höchst ansehnliches Schauspielfest, eine große Gert-Voss-Show eben. Die Queen wird's verschmerzen, sie hatte ihren großen Auftritt ja schon letzte Woche.