Musik

Husten, Schnupfen, Eitelkeit

Seltsamer Trend: So häufig wie selten zuvor sagen Opernstars ihre Auftritte ab. Wieso eigentlich?

Ein geheimnisvoller Virus der Schwäche durchzieht die Opernwelt, eine Absage folgt der nächsten: Anna Netrebko lässt die Berliner und die Bayerische Staatsoper sowie die Salzburger Pfingstfestspiele sitzen, Renée Fleming erscheint nicht als monatelang erwartete Arabella in Wien. Jonas Kaufmann fällt wochenlang aus - angeblich wegen eines Pilzes auf dem Stimmband, nur wenige im Opernbetrieb haben von so was schon mal gehört. Kaufmann, der Lockenlook und hohes C tenorfähig gemacht hat und beim Champions-League-Finale zumindest mit Playback im Eröffnungszeremoniell auftrat, muss auf die um ihn herum gebauten Londoner "Trojaner" mit dem Rollendebüt als Äneas ebenso verzichten wie auf ein lukratives Arienkonzert mit Netrebko und Erwin Schrott in der Royal Albert Hall.

Die finnische Sopranistin Karita Mattila gibt an der Metropolitan Opera ihre "Maskenball"-Amelia zurück, die zweimal stimmbandoperierte Natalie Dessay muss immer wieder neue Manons und Traviatas in Paris und New York kurzfristig streichen. Der frisch gehypte Papagallo-Tenor Vittorio Grigolo gibt Repertoirevorstellungen zurück. In München steigt Wotan Juha Uusitalo aus dem neuen "Ring" aus, Bayreuth verliert mit Angela Denoke seine Brünnhilde 2013. Diana Damrau verzichtet auf eine komplette Herbstsaison.

Jetzt beruhigen natürlich die Experten, die professionell mit dem darauf folgenden Umbuchungszirkus verbunden sind. "Absagen gibt es immer, das ist der adrenalin-beschleunigende Teil unseres Geschäfts", sagt Pal Christian Moe, der früher bei der Deutschen Grammophon Opern besetzt hat und heute frei die Bayerische Staatsoper, das Glyndebourne-Festival und die Oper in Lille in Castingfragen berät. "Aber früher war das regional beschränkt, heute weiß es dank der elektronischen Medien gleich die ganze Opernwelt." Vom "Summer of glorious cancellations" ist dann gleich menetekelnd in der Szene die Rede. "Das ist Quatsch", sagt Moe. "Aber es stimmt schon, bei den Spitzensängern häufen sich die Absagen."

Aus unterschiedlichen, oft auch sehr menschlichen Gründen. Die Damrau ist zum zweiten Mal schwanger, Uusitalo kämpft mit einem Hirntumor, Villázon und Alvarez hatten schwere Stimmbandprobleme, die Dessay ist eigentlich - das gibt sie selbst zu - nur noch ein Schatten ihrer selbst, die dennoch von den Spitzenhäusern wegen ihrer Popularität an der Kasse weiterhin für die schwierigsten Rollen jahrelang im Voraus gebucht wird. Denoke und Mattila wurde klar, dass die ebenfalls lange vorher ausgemachten Rollen noch nicht, nicht mehr oder niemals zu ihren Stimmen passen.

Mehr Druck, mehr Hektik

Vokale Entwicklungen in die Höhe, Tiefe, Breite, zum Guten oder Schlechten lassen sich halt nie voraussagen. Eine Karriere wird wie eine Architektur geplant, soll, wenn der Sänger verantwortungsvoll und gleichzeitig neugierig ist, sich wandeln und bereichern. Aber wer weiß wirklich, ob der geliebte Spinto-Tenor sich zum genau fixierten Termin zum gesuchten Hochdramatischen entwickelt hat?

"Natürlich gibt es da Erfahrungswerte", sagt Germinal Hilbert, geachtete Münchner Eminenz im Agentengewerbe. "Aber heute ist alles hektischer, viel mehr auf einen weltweit gefragten Spitzenprotagonisten abgestellt, der sich unter dem hohen Erwartungsdruck eigentlich keine Ausfälle erlauben darf." Über die nächsten fünf Jahre in Taktung und Rollenwechselwirkung für die Stimme fein ausbalancierte Bühnenauftritte werden empfindlich gestört, wenn zu viel Unerwartetes dazwischenkommt, wenn ein Star noch größer, noch populärer werden will - so wie es eben die Netrebko vorgemacht hat.

Und so wie es Hilbert jetzt mit Damrau passierte, die seine Agentur verlassen hat. Die Günzburgerin ist bestens im Geschäft, Hilbert hat Spitzenverträge an allen Tophäusern ausgehandelt. Aber jetzt will sie die Waldbühnen und Sportarenen erobern, wo das große Geld sitzt. Treibende Kraft ist wohl ihr neuer Mann, der solide, aber ziemlich unbekannte Bassbariton Nicolas Testé. Der möchte neben seiner Frau in adäquaten Rollen engagiert werden, bisher langt es in der Mailänder "Traviata" halt nur zum unwichtigen Doktor Grenvil. Und beide wollen nach Netrebko/Schrott das zweite Traumpaar werden.

Was dann wieder zu spektakulären Absagen führen könnte. Weil der Terminkalender plötzlich zu voll ist, keine Zeit mehr war, für das Studium einer neuen Rolle. "Wenn sie absagen, sind sie immer ,krank', wir können natürlich nur vermuten, ob das stimmt", sagt Operndirektor Christoph Seuferle von der Deutschen Oper. "Manche merken dann kurz vor Anreise, dass sie schon so berühmt sind, dass sie jetzt zwei Repertoire-,Bohèmes' eigentlich nicht nötig haben oder dass sie doch keine Lust auf einen nur kurzen Europatrip haben. Die Theater werden sie trotzdem weiter engagieren, weil sie auf sie angewiesen sind."

Aber eben nicht immer. Die Mezzosopranistin Kate Aldrich ist so ein Beispiel. Während sich ihre ungleich bekannteren Kolleginnen Netrebko, Damrau und Elina Garanca Schwangerschaften ohne Karriereknick "leisten" konnten, kam für die Amerikanerin das Baby ungünstig. Gerade war sie dabei, in der Hackordnung eine Reihe weiter nach vorn zu rutschen, sie hatte attraktive Premieren-Engagements als Carmen und Dido. Das war dann alles schon lange vor der Geburt Makulatur. Ihre Stimme war schon sehr früh beeinträchtigt - und das auch noch lange nach der Entbindung. Ob Aldrich jemals noch zur Spitzensängerklasse aufschließen wird, ist fraglich.

Sauber ist das nicht

Selbst Netrebko, lange bei aller medialer Flatterhaftigkeit eine verlässliche Theaterarbeiterin, scheint plötzlich launenhaft. Die Berliner Absage wird damit begründet, dass sie sich nach einer anstrengenden Saison ihrem kleinen Sohn widmen wolle - obwohl in besagtem "Don Giovanni" sie und der Vater Erwin Schrott erstmals seit 2009 wieder gemeinsam auf einer Opernbühne gestanden hätten. Sie hätte die für sie nun neue Inszenierung freilich proben müssen. Jetzt springt sie zeitlich direkt vor den abgegebenen Berliner Terminen für die Dessay in der Mailänder "Manon" ein; die kennt sie schon aus London und New York. Sauber ist das nicht, zumal es in Berlin für die Fans kaum Geld zurückgab. In München wurden immerhin 50 Prozent der extra für Netrebko erhöhten Eintrittpreise erstattet.