Postkarten

Liebesgrüße von den Moritzburger Teichen

Reduziert, rund, bunt und blumig: Das Brücke-Museum hat die Postkarten der deutschen Expressionisten zusammengetragen

Der Postbote wird 1909 etwas verlegen auf seine Hände geschaut haben, als er die an "Fräulein Dr. Rosa Schapire" schwungvoll adressierte Postkarte bei der Dame austrug. Auf der Rückseite des Kärtchens befand sich der Akt einer Badenden, die in Rückensicht dem Betrachter recht lasziv direkt in die Augen schaut. Wir wissen nicht, wie Rosa Schapire das erotische Motiv interpretiert hat, das ihr Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner da zukommen ließ. Wahrscheinlich war sie einfach nur erfreut über den Gruß, denn als Mäzenatin und promovierte Kunstgeschichtlerin förderte sie die Brücke-Künstler, war mit einigen von ihnen befreundet. So wird sie gewusst haben, dass Kirchners nackte Frauen inspiriert waren von seinem Sommeraufenthalt an den Moritzburger Teichen, wo er sich 1909 mit seinen Künstlerfreunden Heckel und Pechstein traf. In diesem Jahr variierte er dieses Motiv einige Male, farbig wie stilistisch, auch als Holzstich oder Bild. Es muss den Maler geradezu in einen Rausch versetzt haben, so rot und flammend wie sein Ölgemälde "Im See badende Mädchen" die Leinwand entzündete.

Das Motiv der Badenden ist eines der Motive, das die Brücke-Maler in ihrer Suche nach dem Authentischen vereinte. Insgesamt 48 Künstlerpostkarten der "Brücke"-Mitglieder präsentiert nun erstmals das Brücke-Museum, und damit eine der größten Kollektionen dieser Art. Da finden sich ganz unterschiedliche Karten, Skizzen, Zeichnungen und Aquarelle, poppig bunt oder in schwarzer Tusche, extrem reduziert in Form und Volumen oder rund und blumig.

So unterschiedlich diese Kartons in Stil und Thema auch sind, allesamt sind es Unikate, direktes Medium der Kommunikation und natürlich Ausdruck des künstlerischen Selbstverständnis. Nicht selten war es, dass Elemente der Postkarten auch in den Gemälden auftauchten. So spiegelt sich dort zugleich en miniature ein Stück Kunst- und Kulturgeschichte. Jene Karten sind für die Forschung von nicht unwesentlicher Bedeutung: Wann trafen sich die Künstler wo, in welchen Gruppierungen, und wohin reisten sie überhaupt? Ja, und welche Kontakte pflegten sie eigentlich? Mit diesen spontan verfertigten Karten, so die These des Ausstellungskatalogs, begann zudem die Geschichte der Kunstpostkarte, die es bis heute gibt.

Dazu muss man etwas zurückgehen: Wer heute schnell kommunizieren möchte, nutzt die Vielfalt der elektronischen Medien, E-Mail, Twitter, Facebook & Co. Ein paar Klicks nur und schon ist die Nachricht in Echtzeit am anderen Ende der Welt oder beim Arbeitskollegen just um die Ecke. Es gab mal eine Zeit, da schrieben wir nicht nur Briefe, sondern sammelten leidenschaftlich auch Postkarten aller Art und Farbe, die man an Freunde und Bekannte allerorts schickte. Noch heute gibt es Leute, bei denen stehen zu Hause noch riesige Postkarten-Boxen mit den schönsten und schrägsten Motiven im Regal - versendet werden sie nicht mehr.

Ganz anders war das im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, da war die Postkarte das fixe, ja kostengünstigste Medium der Informationsübermittlung. Rechteckig, praktisch, gut - die Bequemlichkeit der kurzen Mitteilung und der niedrige Portopreis führten zu einem regelrechten Boom, bereits um 1880 soll die Deutsche Reichspost um die 120 Millionen Karten jährlich ausgetragen haben. In Großstädten wie Berlin wurden sie drei bis vier Mal pro Tag ausgeliefert - von der Schnelligkeit her also mittelbar vergleichbar mit SMS von heute. Fräulein Dr. Rosa Schapire war damals also ganz schön modern.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Dahlem. Tgl. 11 bis 17 Uhr. Führungen: jeden Sonntag, 11.30 Uhr. Katalog: 18 Euro.