Kunstsache

Obersalzberg, ein Stehklo mit Aussicht

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Der Obersalzberg ist kein Berg wieder jeder andere. Ich war noch nie dort, aber letztens traf ich den Berliner Fotografen Andreas Mühe, und der hat mir von seinen Beobachtungen erzählt: Auf Hitlers Haushügel muss es zugehen wie in einem Gruselkabinett der Geschichte. Neben den gewöhnlichen Touristenscharen tapsen dort auch eine ganze Menge Ewiggestriger und junger Nachwuchsnazis herum, auf der Suche nach irgendwelchen Geheimgängen und Relikten. Andreas Mühe hat eine Ausstellung in der Galerie Dittrich & Schlechtriem, in der er dem Wahnsinn sein Bild gibt. Sechs kleine Fotografien hängen an der Wand. Sie zeigen winterliche Wald- und Bergansichten, die Alpenlandschaft um den Obersalzberg. Auf jedem Bild ist eine Figur auszumachen, halb verdeckt vom Unterholz oder einsam in der Ferne vor dem Gebirgsmassiv. Man kann gerade noch erkennen, dass die Menschen auf den Bildern Naziuniformen tragen. Ihre Körperhaltungen indes verraten eine sehr spezielle Mischung aus Konzentration und Entspannung: Die Nazis pinkeln in den Schnee. Es ist ziemlich genial, wie Mühe hier Hitlers Übermenschen den kleinen Peinlichkeiten des Lebens preisgibt. In seiner Persiflage auf den Obersalzberg-Kult ist die Pilgerstätte der Neonazis nichts anderes als ein Stehklo mit Aussicht. Bis 23. Juni, Tucholskystraße 38, Mitte

Um Nationalsozialismus und den Holocaust geht es zum Teil auch in der Schau von Ydessa Hendeles bei Johann König. Die Eltern der kanadischen Ausstellungsmacherin und Künstlerin überlebten den Mord an den europäischen Juden. Anfang der Fünfziger wanderte die Familie aus Deutschland aus. In Hendeles großartiger Ausstellung verweben sich die Geschichten: Im Eingang hängen Fotos von einer aufziehbaren Minnie Mouse aus Metall aus dem Besitz der Künstlerin, die auf das Kinderschicksal zu verweisen scheint. Anderswo entdeckt man eine Spieluhr, die im Jahre 1935 an den hundertsten Geburtstag der Bayerischen Ludwigseisenbahn erinnerte. Unter der Uhr sind die Worte "Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage" eingraviert. Im Hauptraum steht dann die übergroße Replik eines Spielzeugautos mit Flügeln aus amerikanischer Nachkriegsproduktion - wobei die gewählte Karosserieform des Autotyps "Tatra" auch bei Hitler hoch im Kurs stand. Das Flügelmaß von Hendeles Skulptur folgt übrigens mit 3,30 Meter der Spannweite eines Albatrosses. Was der Albatross und der Zirkuselefant Jumbo mit dem Ganzen zu tun haben, darf nun aber jeder selbst herausfinden. Bis 11. August, Dessauer Straße 6-7, Kreuzberg

John M. Armleder hat immer schon das Spaßpotenzial der Moderne gesehen. Neben seine abstrakten Gemälde hängt er gern identisch gestaltete E-Gitarren oder Disko-Kugeln. Auch die elegante Kombination von Bild an der Wand und Designer-Sessel davor ist nichts, was den Schweizer Künstler vor Gewissensprobleme stellt. Armleders Ausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri ähnelt zunächst einem Freizeitpark für Op-Art-Fetischisten: Die Farben glänzen, die Muster tanzen vor dem Auge. Das Bild "Bingo" zeigt hellbeige Punkte in verschiedener Größe auf goldfarbenen Untergrund. Die Anordnung der Elemente erzeugt den optischen Effekt paralleler Wellen. Trotzdem ist Armleder kein Op-Art-Nachzüglern, denn sein Galerist informierte mich über den konzeptuellen Ansatz: Die Bilder entstehen in Kopf, der Künstler notiert sie kurz auf Papier, die Anweisungen werden erst später von Assistenten umgesetzt. Wie zum Beweis, dass er unberechenbar bleibt, hat Armleder in der Galerie zwei Metallrutschen verkehrt herum aufgebaut. So als wolle er sagen: "Rutscht mir doch den Buckel hoch". Bis 16. Juni, Invalidenstraße 117, Mitte

Jeden Sonntag schreibt im Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien