Kritik

Tugend ist ja ganz schön, aber muss sie so spröde sein?

"Das Spiel von Seele und Körper" in der Staatsoper

Jürgen Flimm muss das Seelenheil seiner Opernbesucher sehr am Herzen liegen. Im Januar brachte der Intendant der Staatsoper bereits ein weitgehend unbekanntes Allegorienspiel namens "Il Trionfo del Tempo" ("Der Sieg der Zeit") von Händel auf die Bühne. Flimm inszenierte selbst. Das Stück ist kein populäres Werk, eher special interest, wegen der spröden Handlung: Personifizierungen des unsittlichen "Vergnügens" und der an die Vergänglichkeit des Menschen erinnernden "Zeit" kämpfen um die Seele des Menschen. Eine arg schematisierte Handlung mit vorgeschriebenem guten Ausgang - die Seele entscheidet sich für die Tugend und kommt in den Himmel - die Barockzeit liebte so was. Für heute Opernbesucher ist der Stoff eher spröde - und wird nur gerettet durch Händels wunderbare Musik.

Umso seltsamer, dass am Freitag schon wieder so ein Allegorienspiel im Schillertheater gezeigt wurde, mit demselben Stoff. Tugendhafte und verführerische Allegorien balgen sich um den Menschen. Aber diesmal ist die Musik richtig alt: Die "Rappresentatione di Anima et die Corpo" ("Das Spiel von Seele und Körper"), so der Titel des Werks, entstand im Heiligen Jahr 1600 in Rom. Emilio de' Cavalieri, ein Medici-Vertrauter, hat sie komponiert. Seine Musik ist eher aus historischen Gründen interessant: Cavalieri war einer der ersten, der mit gesungenen Dialogen experimentierte und so zu einem Wegbereiter der Gattungen Oper und Oratorium wurde, die in dieser Zeit allmählich entstanden. Er schrieb in Strophen aufgebaute, simple Gesangspartien ohne große Tonumfänge, Verzierungen und harmonische Abwechslung. Sie sollten dem Sprechen von Schauspielern nachempfunden sein (Cavalieri gilt daher auch als ein Stammvater des Opernrezitativs). Entsprechend karg und bescheiden klingt das Ganze. Überwältigt wird hier niemand.

Auf der Bühne wechseln sich die Allegorien ab: der "gute Rat" (Bass: Gyula Orendt) und der "Verstand" (der beste Sänger des Abends: Mark Milhofer, ein leuchtender, weicher Tenor) treten einzeln oder gemeinsam auf und singen davon, dass der Mensch sterben muss. Immer wieder singen sie es. Fromm wie ein Rosenkranz, und leider genauso redundant. Zwischendurch sorgt nur das sündige "Vergnügen" (ebenfalls Mark Milhofer) mit seinen zwei Begleitern für ein bisschen tänzerische Abwechslung.

Um das Stück zumindest ein wenig vom Staub zu befreien, sind zwei Großmeister des Betriebs angetreten. René Jacobs, der preisgekrönter Alte-Musik-Spezialist, dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin mit ihren historischen Instrumenten, Gamben, Lauten, Geigen, Flöten und so weiter. Ihm und seinen ausgezeichneten Instrumentalisten gelingen die wenigen Höhepunkte des Abends, vor allem mit verblüffenden Klangeffekten: Jacobs hat sein Orchester auf der Bühne verteilt, links und rechts und ganz hinten, und erzielt so erstaunliche räumliche Effekte und Echo-Tricks. Das Ganze dauert nur anderthalb Stunden ohne Pause, ist aber trotzdem eine der langweiligsten und langatmigsten Produktionen der Staatsoper der letzten Zeit.