Auszeichnung

Der Mann für die Abgründe

Am Mittwoch wird "Maß für Maß" mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet. Ein Treffen mit Gert Voss, dem Gaststar der Schaubühne

Er freut sich, wie "wahnsinnig", über den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für Thomas Ostermeier, über Berlin, selbst über Currywürste. Vor allem aber freut sich Gert Voss "über den Umgang mit den vielen jungen Schauspielern". Wir reden von der Schaubühne. Und der Ostermeier-Inszenierung von Shakespeares tiefschwarzer Polit-Komödie "Maß für Maß", in der Voss als Gaststar die Hauptrolle spielt.

Am kommenden Mittwoch nun wird nach der Vorstellung Ostermeier der Friedrich-Luft-Preis übereicht. "Mich hat diese Arbeit an meine schönsten Momente in Bochum oder Stuttgart erinnert. An die herrlichen alten Zeiten, als wir wirklich ein Ensemble waren. Ohne Einzelkämpfer. Hier an der Schaubühne sind alle so frech und mutig, so erfrischend direkt. Ostermeier ist für seine Jugend ein enorm sensibler, kluger, fast möchte ich sagen: ein weiser Regisseur."

Nun ja, der Jugendliche ist auch schon Anfang 40. Doch "seine Ernsthaftigkeit, mit der er zuweilen blödelt, ohne gleich alles zu verjuxen", die beeindruckt. Selbst den Herrn des Wiener Burgtheaters, den viele für den Größten seiner Zunft im deutschen Sprachraum halten. Wenn der mit seinen gut 70 Jahren von Weisheit spricht und sich an der "unglaublich freien Atmosphäre" begeistert, die der "junge" Ostermeier beim Arbeiten herstelle, dann heißt das was. Es ist ein Ritterschlag.

Lehrstück für Politiker

Den trifft auch Marius von Mayenburg, den Übersetzer. "Die meisten Übertragungen, die ich kenne, und das sind viele, die waren prätentiös und ziemlich schwer verständlich", sagt Voss. Diesmal jedoch habe er all die vielen Gedanken verstanden. Und trotz der im Stück so vertrackt steckenden Märchenhaftigkeit werde "geradezu aufschreckend offenbar, wie Macht auf Menschen wirkt, wie die sich hinter gewissen Tugenden verstecken, um ihre Machtgier zu verbergen." Alle Politiker sollten sich das anschauen.

Gert Voss, geboren 1941 in Shanghai als Kind deutscher Kaufleute, wuchs auf am Bodensee und kam nach abgebrochenem Germanistikstudium über Privatunterricht zur Schauspielerei. Schließlich fand er zu Claus Peymann in Stuttgart, folgte ihm nach Bochum, dann nach Wien. Dort ist er seit 26 Jahren Burgtheaterkönig. Freilich mit Abstechern zu Peter Steins Schaubühne, nach Salzburg oder zu Peymanns Berliner Ensemble (BE). Dort machte er aus dem Thomas-Bernhard-Monolog "Einfach kompliziert" ein Theaterereignis: Es ist die kindlich-kindische Tirade eines kalten greisen und doch ächzend lebendigen, nach Wärme lechzenden Künstler-Königs mit Pappkrone auf dem Schädel. Regie der philosophisch hochfahrenden Stänkerei: Peymann, "einer der schärfsten Analytiker", so Voss. Die Sensation: Zwei alte Theater-Zausel in abgeklärt ausgeklügelter Könnerschaft.

Auch war es "Schicksalsregisseur Peymann", mit dem Gert Voss in Bochum just vor 30 Jahren der aufsehenerregende Karrieresprung gelang. Als brüchiger Großgermane Hermann an der giftig grünen Seite von Kirsten Dene als Thusnelda, die ihr seltsam grüblerisches Ehegespons derart zwirbelt, dass es sich geradezu unheimlich lässig zum Brutalo-Heerführer aufrafft - in Kleists "Hermannsschlacht". In jener zwielichtigen Herrscherfigur wird erstmals signifikant, was fortan das so Außerordentliche wie Typische der Voss'schen Schauspielkunst sein wird: Das hinreißende, abgründig tänzelnde Leichthin, das virtuose Ausspielen vom Entsetzlichen im schamlos Komischen, das Menschlich-Unbegreifliches, Rätselhaftes ungeheuerlich aufblitzen lässt. Eine derart besondere Befähigung ist Grundlage der Voss-Karriere mit unzähligen Rollen sämtlicher Fächer und Genres von Boulevardflimmern bis Klassiker-Drama.

Virtuosentum, das hört Gert Voss nicht gern. Virtuosität nur um ihrer selbst willen sei unerträglich. Sie müsse vielmehr dazu dienen, die Wahrheit einer Geschichte zu beglaubigen - doch Handwerk, das ja, unbedingt! "Ansonsten weiß man ja nichts wirklich Exaktes über meinen Beruf. Eins aber ist klar: Ich habe keine Lust, einem Zauberer zuzusehen, der seine Tricks nicht beherrscht. Obwohl ich weiß, dass er zaubert, will ich verführt werden zu glauben, er könne es wirklich." Aber: Zum technisch perfekten Spiel müsse immer etwas Irritierendes, bislang Unmögliches hinzukommen. Dies erst mache aus bloßer Kunstfertigkeit Kunst. "Wenn mir bei aller pingeligen Vorbereitung später auf der Bühne nichts vom Himmel Gefallenes beispringt, bleibt alles Schmiere." Das Beweisbare sei letztlich unwichtig.

"Shakespeare ist der vielleicht einzige Autor, der die Menschen wie ein Rätsel beschreibt, für das man nicht den Code hat. Plötzlich kommen die Figuren in verrückte Situationen und in ihnen entstehen Dinge, die sie selbst erstaunen." Dies sei Aufklärung über das, was jenseits der Aufklärung stattfindet. "Es geht um den unheimlichen Rest Unergründlichkeit." Ein solcherart Unergründlichkeits-Künstler ist Gert Voss auch als Herzog Vicentio in "Maß für Maß". Ein verführerischer Aristokrat, fein vermischt mit einer Prise Schalk und einem Schuss herrschaftlich domestizierter Wildheit. Betörend dandylike geht er eisig über Leichen. Um des Machterhalts willen. Natürlich wird die Figur dieses Herrschers nicht, wie man es heute gern einfältig tut, von Ostermeiers Regie platt vergegenwärtigt durch Masken aktuell amtierender Politiker. "Man sollte gegen jede Vereinnahmung spielen. Steckt man im Konsens, ob mit Bühnenpartnern, Zeitgeist oder Zuschauern, mag das vielleicht heimelig werden, bleibt aber ansonsten nur langweilig und dumm."

Seine verwegenste Spiele trieb er mit Shakespeare sowie dafür pässlichen Regisseuren wie Zadek, Tabori, Bondy, Peymann. Es waren Epoche machende Meisterstücke: Voss als Richard III. unter Peymann (das sympathische Monster in geistreicher Charmeoffensive); als aasiger Wallstreet-Banker Shylock unter Zadek ("Kaufmann von Venedig"); als Lear unter Bondy weltverloren, liebessehnsüchtig, altersdumm, im Wahn aber altersweise. Und Voss als schmissig-grausamer Othello unter George Tabori. Der sagte einst über seinen Freund: "Er ist ein gefährlicher, nackter Schauspieler, ein unheimlicher Clown. Ein wilder Stier, aus dem Käfig ausgebrochen in die Theaterwelt."