Starpianist

Ein kleiner Lord wird erwachsen

Kommende Woche wird Lang Lang seinen 30. Geburtstag in Berlin feiern. Seine Wünsche hat uns der populärste klassische Musiker vorab verraten

Weil er Hunger hat nach dem Abend mit der königlichen Familie, ruft Lang Lang vom Londoner Hotelzimmer aus in Berlin an, damit seine deutsche PR-Agentur wieder in London anruft und ihm im Hotel ein Clubsandwich mit Pommes zum Brunch bestellt. Pünktlich zum Interviewtermin um 13.30 Uhr stellt ein Kellner das Essen auf den langen Tisch im Konferenzraum "Mayfair" des "Langham"-Hotels. Lang Lang fehlt. Als er eine halbe Stunde später durch die Tür kommt, sind die Pommes kalt.

Er entschuldigt sich für die Verspätung. Am Vortag ist er in der Royal Albert Hall beim Thronjubiläum der Queen aufgetreten, danach ging es noch in den Buckingham-Palast mit den Kollegen, Paul McCartney, Elton John, Robbie Williams und so weiter, Plaudern mit Prinz William und Kate und Prinz Harry, "wirklich sehr interessante Unterhaltungen", auch wenn ihn immer alle dasselbe fragten: wie viel er übe am Tag und wann er mit dem Klavierspielen angefangen habe und wie das Leben als Konzertpianist so sei.

Was kann jetzt noch kommen?

Ja, und dann kam er gegen zwei Uhr wieder auf seine Hotelsuite mit eigenem Klavier und konnte ewig nicht einschlafen, wie so oft, der verdammte Jetlag, den man nur mit stundenlangem Fernsehen überwinden kann, und dann schläft man eben am nächsten Tag bis ein Uhr mittags. Lang Lang setzt sich vor seine Teller und bietet was von den kalten Pommes an.

Da sitzt er also, der populärste klassische Musiker der Welt, und kaut an einem Sandwich herum. Ein kleiner Lord, der sich einst in Peking mit sieben Familien und seinem tyrannischen Vater ein Badezimmer teilte und heute im schwarzen Armani-Jackett über die Teppiche der Luxushotels dieser Erde schlendert. Das frühere Wunderkind, das nach einem Konzertdebüt als Ersatzmann für einen kranken Kollegen über Nacht zum Star wurde. Lang Lang, dessen Vorname "Sonnenschein" und dessen Nachname "gebildeter Herr" bedeutet, ist heute der einzige echte Superstar der Klassik, dessen Bekanntheit vergleichbar ist mit Sportlern oder Schauspielern. Weil Lang Lang allgegenwärtig ist, hat man das Gefühl, er sei immer schon da gewesen. Dabei wird er am kommenden Donnerstag erst dreißig Jahre alt. Was kann jetzt noch kommen?

Lang Lang sitzt bequem. Die Beine übereinandergeschlagen, die angeblich für siebzig Millionen Dollar versicherten Hände mit den dünnen Fingern gefaltet, er spricht über das, was in seinem nächsten Lebensjahrzehnt so kommen soll. "Ich will in Zukunft weniger Konzerte geben und mich stärker auf meine Stiftung konzentrieren." Seine Lang Lang International Music Foundation organisiert Meisterklassen und Wettbewerbe für junge Pianisten. Aber am wichtigsten sei es, "dass ich mich als Pianist weiterentwickele". Es gebe so viele Stücke, die er noch nicht öffentlich gespielt habe. Zeitgenössische Kompositionen, vor allem aber viele Beethoven-Sonaten, Mozart-Konzerte - und Bach. Die Königsdisziplinen, die jeder betreiben muss, der ein wirklich großer Künstler sein will.

Da ist es wieder, sein altes Problem. Für viele ist Lang Lang immer noch der Bubi mit Strubbelfrisur und Werbeverträgen von Adidas und Coca-Cola, der schneller als jeder andere oberflächliche Effekt-Stücke spielen kann, aber von den wahren Tiefen der Musik keine Ahnung hat. Vor allem in Deutschland ist diese Haltung verbreitet. Musikkritiker können schnell eingeschnappt sein, wenn die Masse Platten kauft, die sie gar nicht empfohlen hatten. Der "Stern" unterstellte Lang Lang in einem Interview einmal "kapitalistische Unersättlichkeit" und meinte: "Viele Ihrer Hörer können Moll nicht von Dur unterscheiden." Das war als Vorwurf gemeint. Klassik-Liebhaber ohne Ahnung von Harmonielehre, wo kommen wir da denn hin!

Musik ist ein Kampf für ihn

Dabei kann man Lang Lang seine überragenden musikalischen Fähigkeiten nicht absprechen. Er hat einen klaren Stil, geprägt von einer Vorliebe für hellen, perlenden Klang. Seine Anfälligkeit für übertriebene Virtuosität hat er auf den jüngeren Aufnahmen gezügelt. Auf der Bühne neigt er zu affektierten Bewegungen, aber die zeigen vor allem, wie spielerisch er auch schwerste technische Anforderungen erfüllen kann. Wenn überhaupt, ist das nicht kindisch, sondern angeberisch.

Lang Lang verschränkt bei dem Thema Kritiken die Arme vor der Brust und sagt: "No comment." Aber man spürt, dass ihn das beschäftigt. Auf die Frage, warum er so viele junge Fans anzieht, reagiert er ein bisschen zu heftig. "Da muss ich total widersprechen", sagt er laut. "Wenn Sie sich bei meinen Konzerten umschauen, sind da viel, viel mehr alte als junge Leute. Viel mehr! Der harte Kern meiner Fans sind dieselben, die auch ältere Pianisten mögen." Als ob es ein Makel wäre, zu viele junge Leute im Publikum zu haben.

Sein Leben lang ist Lang Lang es gewohnt, Musik als einen Kampf zu sehen, in dem es darum geht, andere zu schlagen. Als er 26 war, veröffentlichte er eine Autobiografie. Sie erzählt von einer erbarmungslosen chinesischen Musikszene voller Druck, Neid, Korruption. Und sie erzählt von seinem Vater Lang Guoren, dem Einzigen, der noch besessener vom Weg an die Spitze war als er selbst. In seiner Freizeit spielte der kleine Lang Lang am liebsten mit seinen Transformers, beweglichen Plastikfiguren, die man in Roboter oder Maschinen verwandeln kann. Als er sich einmal weigert zu üben, läuft Lang Guoren zur Spielzeugkiste und wirft die Transformers aus dem Fenster. Als eine Lehrerin den neunjährigen Lang Lang wegen angeblicher Talentlosigkeit suspendiert, drückt ihm sein Vater ein Döschen mit Antibiotikum in die Hand. "Schluck sofort alle dreißig Tabletten. Dann wird alles vorbei sein, und du bist tot." Erst als Lang Lang droht, sich seine Finger zu brechen, den kostbarsten Schatz der Familie, lässt der Vater von ihm ab.

"Als Kind habe ich meinen Vater manchmal gehasst. Aber nach und nach habe ich verstanden, dass er und ich denselben Traum hatten, " sagt Lang Lang heute. Seit sechs Jahren reist er allerdings nicht mehr mit ihm, stattdessen ist seine Mutter jetzt immer dabei. Auch an diesem Tag in London ist sie dabei, in zwei Stunden fliegen sie nach Berlin, dort wird er fünf Tage lang im Studio Etüden und Nocturnes von Chopin aufnehmen. Auch seinen Geburtstag am 14. Juni wird er, der in New York und Peking lebt, in Berlin verbringen, einen Tag später gibt er dort ein Festkonzert in der O2-World, gemeinsam mit dem Jazzpianisten Herbie Hancock. "Er hat mir gezeigt, wie man improvisiert, und das macht mir wirklich Spaß. Ich habe gemerkt, dass ich schöne Melodien erfinden kann. Wenn ich noch mehr über den Aufbau von Stücken lerne, kann ich mir gut vorstellen, eines Tages auch mal selbst zu komponieren." Und dann feiert der kleine Lord, der seine Kindheit der Musik opferte, mit Freunden aus der ganzen Welt. Auch sein Vater wird da sein.