Berliner Philharmoniker

Herbert Blomstedts musikalischer Himmel zerreißt

Liegt die Wahrheit einer Verbindung in der ersten oder der zweiten Nacht?

Am Freitag noch führte Herbert Blomstedt die Berliner Philharmoniker mit der "Missa Solemnis" zu dem tief empfundenen Glaubensbekenntnis, das Beethoven ja mit seinem Spätwerk geschrieben hat. Im zweiten Konzert stürzte dieser Himmel ein. Als ob ein Buntglasfenster plötzlich nicht mehr die Heilsgeschichte erzählt, sondern die Apokalypse. Das Kyrie gestaltet der Chor des Bayerischen Rundfunks noch mit einem kultiviert schwebenden Timbre, während das Orchester sich nicht recht zu einem gemeinsamen Klang entschließen kann. Und dann scheint die Entscheidung des Dirigenten zum Exempel innerhalb von Sekunden gefallen zu sein. Er peitscht die Philharmoniker ins Extrem fast exhibitionistischer Fortissimi, der Chor ist kaum noch zu hören, der Sturm wütet und reißt musikalisch alles auseinander. Betreten blicken die Musiker einander an, sie haben den Zorn des Herrn Blomstedt erfahren. Es kommt noch schlimmer, im folgenden Credo lässt er das Orchester gar im Stich, seine Blicke und Gesten gelten nur noch dem Chor und den Solisten. Die Konzentration ist auf dem Höhepunkt; dennoch knirscht es gewaltig im Getriebe, etwa bei den Tempoübergängen. Mit Andacht, schreibt Beethoven im Sanctus vor - ohne Hoffnung, klingt es aus dem Orchester. Wie ein Heilsbringer wirkt da Guy Braunstein, sein Geigensolo ist von beglückender Innigkeit. In den Holzbläsern rinnt Morgentau an Gräsern hinab, um in Perltönen der Solovioline abzutropfen. Mit einem Schulterblick zieht der Konzertmeister die schon wieder wackelnden ersten Geigen zu sich heran. Alles scheint gut zu werden. Der Zusammenklang der Gesangssolisten ist nach diesem Vorspielwunder so homogen wie man es nur wünschen kann. Herbert Blomstedt lädt zum abschließenden Dona nobis pacem ein - und wieder zerfällt alles. So herrlich die Berliner Philharmoniker auch sind, sie bleiben ein fragiler Organismus.